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Seit über einer Dekade produzieren Urlaub in Polen nun schon grandiose Soundlandschaften, die irgendwo zischen Elektro, Avantgarde und Nosierock liegen und nachhaltig beeindrucken. Vor allem live entwickelt das Kölner Duo eine große Spiel- und Experimentierfreude und so verwundert es kaum, dass Georg Brenner und Jan Philipp Janzen gerngesehene Gäste auf zahlreichen internationalen Festivals unterschiedlichster Genres sind. 2009 veröffentlichten die Herren ihr viertes Studiowerk „Liquid“, das neben der vertrauten, elektronischen Grundstimmung erstmalig auch den Sprung in Richtung „Pop“ wagt.    


BB: Im Frühjahr erschien, von einer großen Medienkampagne begleitet, eine umfassende Werkschau der Krautrock-Legende Neu! Was haltet ihr, als Krautrock-Erben, von diesem späten Hype?

Georg Brenner: Besser spät als nie, würde ich sagen. Diese Leute waren ihrer Zeit weit voraus, doch leider wurde ihre Arbeit damals in den Siebzigern nicht so gewürdigt, wie sie es verdient hätte, daher freut mich diese späte Anerkennung für Neu! Man sollte da auch Herbert Grönemeyer danken, der die alten Alben der Band ja auf seinem Label Grönland wiederveröffentlicht hat. Das hat es ja für viele überhaupt erst möglich gemacht, die Band zu entdecken, bzw. wiederzuentdecken.

Es gibt auffallend viele Parallelen zwischen Neu! und Euch: Ihr seid ebenfalls ein Duo, das eine sehr ähnliche instrumentelle Arbeitsteilung hat und auch euer musikalisch-experimenteller Ansatz ist ähnlich. Zufall?

Eigentlich ist es ja eine Schande, das zuzugeben: Aber als ich Urlaub in Polen 1998 gegründet habe, kannte ich Neu! noch gar nicht! Wir waren ja auch recht untypisch für die damalige Zeit, so als Duo. Das war ja noch vor den White Stripes (lacht). Aber mit der Zeit haben wir uns dann auch mehr und mehr mit diesen Krautrock-Sachen beschäftigt und sind dabei natürlich auch auf Neu! gestoßen. Großartige Zeit, die tolle Musik hervorgebracht hat. Vor allem Silver Apple, auch ein Duo, aus New York – zeitlos, unglaublich! Es war aber für uns mehr ein Gefühl, Brüder im Geiste gefunden zu haben, als der Wunsch, diese Musik nachahmen zu wollen.   

Es gibt ja durchaus auch Unterschiede: Während Neu! das Studio noch weitestgehend als „unentdecktes Land“ erforscht haben und viel im Verborgenen tüftelten, habt ihr euch vor allem als Liveband einen hervorragenden Ruf erspielt. Was macht für euch den Reiz der Konzerte aus? Die klassische Interaktion mit dem Publikum wie bei einer Rockband mit Frontmann und ins Publikum springen, fällt bei euch ja eher weg.

Stimmt, aber es findet dennoch eine Interaktion mit dem Publikum statt. Natürlich nicht im Sinne des Frontmanns, der seine Geschlechtsteile ins Publikum hält (lacht), sondern bei uns geht es nur um die Musik und den Austausch, der über diese zwischen dem Publikum und uns stattfindet. Eigentlich ist das auch ein sehr punkiger Ansatz, zu sagen, es geht gar nicht um die Leute, die den Sound machen, sondern um den Sound selbst. Und genau dieser Austausch, wenn sich die Stimmung hochwiegelt, macht den Reiz aus und ist der Grund für all die Strapazen, die man auf sich nimmt. Es gibt einem einfach ein sehr gutes Gefühl.

Ihr arbeitet ja auch live viel mit alten Analog-Synthies und Effekten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Versionen eurer Songs dadurch live mitunter stark variieren, da sich solche Sounds und Effekte ja nicht immer wieder 1:1 reproduzieren lassen.

Das stimmt teilweise. Die Geräte reagieren schon recht unberechenbar, allerdings hat man in den Jahren schon auch gelernt mit den Noise-Sachen und Rückkopplungseffekten so umzugehen, dass das einen Wiedererkennungseffekt hat. Man könnte sagen, dass jedes Konzert anders ist, trotzdem sind es die gleiche Songs.  

Steckt da auch eine Absicht dahinter? Eure Konzerte werden so ja auch immer einzigartige Erlebnisse, was sehr selten geworden ist im Zeitalter hundertprozentig durchorganisierter Monster-Shows à la „U2 in 360°“.

Das ist halt standardisiert. Du bekommst ja auch bei McDonalds überall auf der Welt Burger, die gleich schmecken. Das ist das große Geschäft, und das ist nicht unser Ansatz. Ich persönlich finde es immer besser, wenn ich auf Live-Konzerten etwas anderes zu hören bekomme, als auf Platte. Ich finde das irgendwie „gelebter“.

Apropos „Monster-Shows“: Ihr habt ja schon auf sehr großen Festivals wie dem „Roskilde“ in Dänemark gespielt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass eure Musik im Club besser funktioniert. Wie seht ihr das?

Also auf einer Open Air-Bühne, nachmittags im Hellen, das hat keinen Reiz, da funktionieren wir nicht so gut. Wenn allerdings die Voraussetzungen stimmen, sprich: Es ist dunkel, es ist tolles Licht am Start und der Sound ist gut, dann funktionieren wir auch auf großen Bühnen sehr gut. Es hängt wirklich auch vom Setting ab. Aber gefühlt macht eine Clubshow immer mehr Spaß, wenn es eng ist und der Schweiß von der Decke tropft. Das ist sehr intensiv, die Leute sind ganz nah, das finde ich schon am Besten. Aber was die Musik selbst anbelangt, funktioniert diese, wie gesagt, auch in einem anderen Kontext. Ein Kritiker hat uns einmal ganz gut beschrieben: „Minimalrock meets Stadionelektronik“. Ich finde, das passt.

Euer aktuelles Album „Liquid“ ist eine ganze Ecke zugänglicher als eure früheren, mitunter noisigen Platten (z.B. „Parsec“)und präsentiert mit „Defender The Crown“ sogar einen richtigen Hit. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Wir haben die beiden ersten Alben mit Guido Lucas gemacht, der seine Wurzeln im Noiserock hat. Und dieser Sound entsprach auch unseren damaligen Vorstellungen. Die nächsten Alben haben wir dann mit Bertil Mark aufgenommen, der sein Studio auf dem Mars, dieser Landkommune, in der auch Thomas D. von den Fanta 4 lebt, betreibt. Die vorletzte Platte war ein Kennenlernen und auch der Versuch, mit poppigeren Elementen zu arbeiten. Beim letzten Album wussten wir dann schon im Vorfeld, dass wir weiter in diese Richtung gehen wollten. Das war eigentlich eine ganz natürliche Entwicklung. 

In einem Interview hast du vor einigen Jahren gesagt, dass ihr früher mit eurer Musik eher eine „gegen“-Haltung eingenommen habt, euch mittlerweile jedoch eher an Dingen orientiert, die eure Fürsprache haben. Wofür sind Urlaub in Polen? Wie drückt sich dieses „für etwas sein“ in eurer Musik aus?

Bei den letzten beiden Platten war unser Ansatz, dass wir positiver sein wollen, und ich finde, das hört man auch. Ob das bei der nächsten Platte wieder so sein wird, kann ich noch nicht sagen. Aber „wofür“ ist man? Ich würde das mal aus einem anderen Winkel betrachten: Während man vor Jahren dem großen Hype hintergehechelt ist und auf den unbedingten Erfolg gepocht hat, hat man mittlerweile erkannt, dass es ein großes Privileg ist, seine Ideen, seine Musik überhaupt auf Platten und CDs pressen zu können und ein Publikum zu haben, das sich hierfür interessiert. Dieser früheren Unzufriedenheit folgt mittlerweile einfach eine Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die man hat. Das ist einfach eine große Gelassenheit inzwischen.

Ihr arbeitet jetzt schon seit über zehn Jahren zusammen. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade die Arbeit als Duo nicht immer einfach ist, eine größere Band bietet sicher mehr Rückzugsmöglichkeiten. Wie habt ihr es solange miteinander ausgehalten?

Gute Frage. Das ist ja einer Beziehung nicht unähnlich (lacht). Da fragt man sich ja auch „wie haben das so lange miteinander ausgehalten?“. Wir haben unsere Freiräume, sehen uns gar nicht allzu oft und wir spielem beide ja noch in anderen Bands. Man hat also genug Ausweichmöglichkeiten, um sich dann wieder punktuell ganz gezielt auf Urlaub in Polen einlassen zu können. Aber da gibt es natürlich auch immer eine Plattenfirma, die irgendwann anklopft und fragt: Hey, Jungs. Wollt Ihr nicht wieder mal eine Platte machen?“ (lacht).

Und wie seht ihr die kommenden zehn Jahre für euch? Wo stehen Urlaub in Polen im Jahr 2020?

Ob es die Band dann noch gibt?! Ich bin mir aber sehr sicher, dass Philipp und ich, ob zusammen oder getrennt, auf jeden Fall noch auf irgendwelchen Bühnen stehen und Musik machen werden. Mir ist in meinem Leben einfach noch nichts Besseres eingefallen als Musik. Sie macht einfach den größten Spaß. Die wichtigsten Dinge haben oft den banalsten Hintergrund…

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | Juli 2010)

 

Weitere Infos unter:

www.myspace.com/urlaubinpolen



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