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Nach Jahren als Musiker, Humorist, Gagschreiber, Radiomoderator und Schauspieler versuchte sich Heinz Strunk 2004 konsequenterweise auch als Schriftsteller – mit überwältigender Resonanz: Sein Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“ verkaufte sich mittlerweile über 300.000 mal, die Filmversion des Romans wurde ebenfalls begeistert aufgenommen und auch seinen weiteren Projekte war stets beachtlicher Erfolg beschieden. Kaum verwunderlich also, dass auch Strunks dritter Roman „Fleckenteufel“ zum Publikumsliebling avanciert, allerdings nicht ohne kontroverse Diskussionen nach sich zu ziehen. Heinz Strunk über Erfolg, Plagiatsvorwürfe und sein Leben als kreativer Tausendsassa…


BB: Dein Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“ war ein enormer kommerzieller Erfolg. Kam das eigentlich überraschend für Dich? In eingeweihten Kreisen warst Du ja bereits vorher beileibe kein Unbekannter mehr…

Heinz Strunk: Es war allerdings tatsächlich so, dass ich von meinen Arbeiten vor „Fleisch ist mein Gemüse“ überhaupt nicht leben konnte. Das war auch einer der Gründe, warum ich solange Tanzmusik gemacht habe. Daher bedeutete der Erfolg des Buches auch eine ziemliche Umstellung für mich. Wenn man zwei Jahrzehnte lang gewohnt ist, dass die eigene Arbeit nur von einer sehr kleinen Kennerschaft wahrgenommen wird, dann kommt so ein Erfolg doch ziemlich überraschend. Zumal es sich bei „Fleisch ist mein Gemüse“ auch noch mein Debüt als Schriftsteller gehandelt hat.

Im Herbst 2008 folgte der Nachfolger „Die Zunge Europas“. Wie unbeschwert konntest Du ans Schreiben hierfür rangehen? Der Erwartungsdruck dürfte enorm gewesen sein…

Eigentlich nicht. Das Schreiben war zwar sehr schwierig, aber das wäre es auch ohne den Erfolg des ersten Buches gewesen. Was heißt auch schon „Druck“? Eigentlich standen die Vorzeichen für ein neues Buch mit einem Erfolg wie „Fleisch ist mein Gemüse“ im Rücken ja eher günstig. Man konnte ja ziemlich sicher sein, dass das Buch mit einer größeren Werbekampagne veröffentlicht wird und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Und eigentlich empfand ich das eher als ziemlich entlastend. Ich kann dieses ganze Geschwafel von wegen „Druck“ auch nicht verstehen. Was soll das? Ich meine, Druck hat man immer! Wenn Du ganz unten bist, hast Du den Druck, nach oben zu kommen und wenn Du ganz oben angekommen bist, hast Du den Druck zu bestehen, um nicht wieder nach unten zu müssen.

Nach der Veröffentlichung von „Fleisch ist mein Gemüse“ warst Du permanent auf Lesetour, hast nebenbei noch die Soloshow „Trittschall im Kriechkeller“ auf die Bühne gebracht, gemeinsam mit Charlotte Roche die Lesereise zu „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ absolviert und warst noch in diverse andere Projekte involviert.  Wann hast Du Deine beiden nachfolgenden Romane „Die Zunge Europas“ und „Fleckenteufel“ eigentlich geschrieben? Nachts, im Hotelzimmer?  

Das ging eigentlich. Für „Die Zunge Europas“ habe ich mir immer mal ein paar Monate freigenommen, die dann immer wieder mal unterbrochen wurden für Auftritte, Filmdrehs oder Projekte mit dem Studio Braun. Deswegen hat das auch alles ziemlich lange gedauert.

Nach Deinen Maßstäben.

Ja, aber dann brauchst Du auch gar nicht erst anfangen. Einen gewissen Output musst Du schon haben. Ich verstehe einfach nicht, wie Leute acht Jahre an einer Platte arbeiten oder sechs Jahre an einem Buch schreiben können. Mit einem normalen, so 250 Seiten umfassenden Roman sollte man eigentlich innerhalb eines Jahres durch sein, finde ich. Vielleicht liegt das in meinem Fall auch einfach daran, dass ich schon sehr lange dabei bin und das einfach als Beruf sehe und mir auch eine gewisse Routine angeeignet habe. Kann natürlich sein, dass mich auch irgendwann mal das Schicksal anderer Leute ereilt, wo dann einfach nichts mehr kommt. Aber im Moment fühle ich mich, sowohl was die Qualität als auch die Quantität meiner kreativen Arbeit anbelangt, auf dem Zenit.

Ich wollte noch mal auf Charlotte Roche zu sprechen kommen. Etwa ein Jahr nach Eurer gemeinsamen Lesereise erschien ihr Romandebüt „Feuchtgebiete“, das in einer sehr direkten Sprache die intimen Befindlichkeiten der 18jährigen Helen schildert. Nicht wenige Medien und Fans kritisierten an Deinem aktuellen Roman „Fleckenteufel“, dass dieser sich eindeutig an Roches Roman orientieren würde, nur aus der Sicht eines pubertierenden Jungen. Bild.de titelte daraufhin gar „Ist Heinz Strunk die neue Charlotte Roche?“ Wie stehst Du zu diesen Vorwürfen? Hat Dich das geärgert?

Das kann mich gar nicht ärgern, weil das ja auch ganz klar so beabsichtigt war. Das Buch ist ja vom Marketing her genauso aufgezogen worden. Ich habe da die einmalige Chance gesehen, meine Kernkompetenz zum Pipikackawichsikotzi-Kram, den ich bisher nur im Hörspielbereich bedient hatte, auch in eine literarische Form zu bringen. Eine Idee, von der ich mich mit meinen mittlerweile 47 Jahren eigentlich schon verabschiedet hatte, weil ich einfach aus dem Alter für Pupswitze raus bin. Da wir das aber als satirische Replik verkauft haben, war das auf einmal möglich. Ich habe das Ganze übrigens mittlerweile auch als Drehbuch umgearbeitet, in dem ich allerdings den ganzen Fäkalkram weglassen und das Buch funktioniert so in dieser Form ganz wunderbar als klassisches Jugendbuch, was im Film dann so eine Anmutung haben soll wie „Stand by me“ (US-Abenteuerfilm von 1986 nach einem Buch von Stephen King, Anm. d. Verf.).

„Fleisch ist mein Gemüse“ ist stark an Deine Biografie angelehnt und handelt Deine Jahre als Tanzmusiker ab. Auch die nachfolgenden Romane „Die Zunge Europas“ und „Fleckenteufel“, die die Geschichten eines frustrierten Gagschreibers und eines spätpubertierenden Jungen erzählen, wirken durchaus biografisch. Wie schaffst Du es eigentlich, diesen Geschichten immer wieder auch diesen enormen Humor zu verleihen? Deine eigene Kindheit und Jugend war wohl alles andere als lustig, Du sollst depressiv gewesen sein…

Sagen wir es so: Meine Kindheit war ganz ok, der Bruch war die Erkrankung meiner Mutter, da war ich zwölf. Das hat fortan meine ganze Jugend überschattet und ich hatte dann mit Anfang zwanzig selbst mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen. Das ist dann zwar im Laufe der Jahre besser geworden, aber ich gehöre wohl immer noch zu den Menschen, die stark zur Schwermut neigen, übrigens genau wie meine beiden Kollegen bei Studio Braun. Mit ist gerade in den vergangenen Monaten wieder einmal klar geworden, dass ich genau deshalb Humorist geworden bin, denn wenn ich mich und meine Probleme, mein Sein in der Welt und meine ganze Schwermut so ernst nehmen würde, müsste ich daran wohl krepieren. Es gibt diesen schönen Satz, dass Humor die Antwort auf Melancholie ist, um diese zu überwinden. In diese Richtung verstehe ich das auch für mich. Humor ist Selbstverteidigung! Aber um noch mal auf Deine Frage zu kommen: Es gibt so unendlich viele Autoren, die mit großem Können ihre Bücher schreiben, aber aus meiner Sicht über so gar keinen Unterhaltungswert verfügen, wo man auf 500 Seiten nicht ein einziges Mal auch nur Schmunzeln muss. Und darin sehe ich meine Aufgabe, ich will unterhalten. Und Humor ist hierfür ein sehr gutes Mittel. Ich meine natürlichen einen bestimmten Humor, der mit dem ganzen Comedy-Kram hierzulande nichts zu tun hat.

1998 hast Du gemeinsam mit Jaques Palminger und Rocko Schamoni das Trio Studio Braun gegründet, das vornehmlich für seine absurden Telefonsteiche bekannt ist. Wie gehen Deine Kollegen eigentlich mit Deinem Erfolg um? Dein enormer Erfolg dürfte dem Studio Braun durchaus nicht geschadet haben. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Leute Heinz Strunk wollen, wo Studio Braun draufsteht.  

Nein, das denke ich nicht. Ich empfinde mich auch nicht als sonderlich populär. Diese „Breitenpopularität“, die einem beschert, dass man überall auf der Straße erkannt wird, kann man eigentlich nur erlangen, indem man ein gesichtsbekannter Vollidiot wird, der sich medial vollends inszeniert. Ich möchte auch gar nicht die Popularität eines Günther Jauch erreichen. Das wird aber auch nie passieren, weil das, was ich mache, immer noch viel zu speziell für das ganz große Publikum ist. Und was das Studio Braun anbelangt, ist ja Rocko Schamoni ja auch kein ganz Unbekannter und auch unsere Arbeit hat sich ziemlich erweitert. Wir machen ja mittlerweile Theater und bereiten gerade einen Film vor. Das Studio Braun ist sehr aktiv. Und das Schönste an unserem kleinen Kollektiv ist die Tatsache, dass es wirklich keinerlei Eitelkeiten bei uns gibt. Sowohl was das Erfolgsgefälle der einzelnen Mitglieder anbelangt als auch in Bezug auf die Entwicklung neuer Ideen. Wir sind ein absolutes Dream-Team!    

Du hast mit Deinem Studio Braun-Kollegen Rocko Schamoni bei der Bundestagswahl 2005 für „Die Partei“ des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs Martin Sonneborn kandidiert und Dich bei der Hamburger Bürgerschaftswahl Anfang 2008 für „Die Partei“ als Spitzenkandidat aufstellen lassen. Was waren Deine Beweggründe hierfür? Ist die heutige Politik nicht schon Realsatire genug?

Wir solidarisieren uns mit der Titanic, ganz einfach. Da existiert eine tiefe Verbundenheit. Das war sozusagen eine patriotische Pflicht.

Du absolvierst ziemlich umfangreiche Lesetouren. Versuchst Du auf diese Weise Dein früheres Tourleben als Musiker zu kompensieren? Lebst Du auf diesen Touren auch den Traum Deiner Jugend, Popstar zu werden? Es ist ja eine Sache 300.000 Bücher zu verkaufen, aber eine völlig andere, diesen Käufern auch tatsächlich zu begegnen…

Also, das was mir in den vergangenen Jahren auf den Lesereisen so passiert ist, hat herzlich wenig mit Rock’n’Roll zu tun. Das hat eher den Charakter eine Vertreterreise. Das Ganze ist ziemlich anstrengend, obwohl der Rock’n’Roll-Faktor, wie gesagt, sehr gering ist. Es gibt auch keine Groupies oder so. Aber ich denke, das ich das ganz gut mache, ich gehe da raus und unterhalte die Leute volle zwei Stunden lang, bin dann allerdings auch fix und fertig. Deswegen mache ich erstmal Pause mit den Lesereisen und konzentriere mich erstmal auf die Arbeiten mit dem Studio Braun.

Wann spannt Heinz Strunk eigentlich mal aus? Viel freie Zeit scheinen Dir das Schreiben und Deine zahlreichen anderen Projekte ja nicht zu lassen.

Das ist ein kompletter Irrtum, das stimmt gar nicht! Das Ding ist, dass ich soviel Geld verdiene, dass ich mein Leben mehr oder weniger perfekt organisiert habe. Ich habe keine Familie, dafür eine Putzfrau, einen Steuerberater und einen Getränkelieferservice. Soll heißen: Ich habe mit diesen ganzen extremen Zeitschluckern nichts mehr am Hut und ich kann nicht mehr als fünf Stunden am tag schreiben, netto – das ist das absolute Maximum! Rechnet man noch die Schlafenszeit hinzu, bleiben also auch Heinz Strunk gute zehn Stunden am Tag, die er rumbringen muss. Und ich bin tatsächlich nicht selten geplagt von Langeweile. Das sollte man nicht glauben, ist aber so.

Ist diese Arbeitswut eigentlich nur einem kreativem Schaffensdrang geschuldet oder steckt da auch eine gewisse Angst dahinter, irgendwann einmal nicht mehr ganz so angesagt zu sein? Es war ein langer Weg nach oben, da möchte man sicher nicht schnell wieder absteigen.

Runter will keiner, das ist klar. Aber in meinem Fall ist es eher so motiviert, dass ich einfach die Beschäftigung brauche. Entspannung, Ausspannen – das benötige ich einfach nicht großartig. Interessanterweise hat sich auch die Arbeit über all die Jahre kaum verändert, auch wenn sich mittlerweile einige Leute mehr dafür interessieren. Aber die Motivation war schon immer, das Leben irgendwie rumzubringen, und die ist stets die Gleiche geblieben. Das Arbeiten ist dabei noch nicht mal sonderlich lustvoll, aber wenn man dann das Ergebnis in Form eines neuen Buchs oder Albums in Händen halt, ist das echt schön.

Vielen Dank für das Gespräch.



(Interview: Benjamin Metz | November 2010)



Weitere Infos unter:

www.heinzstrunk.de

www.myspace.com/heinzstrunk

www.studiobraun.de

 

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