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Mit ihrem gleichnamigen Sturm- und Drang-Debüt eroberten Madsen 2005 die Herzen der Indie-Rock-Nation im Sturm, und auch prominente Kollegen waren von soviel Leidenschaft und Einfallsreichtum ergriffen, so sprach Thees Uhlmann von Tomte gar von „der besten Debüt-LP, seitdem ich über Musik schreibe“. Nun sind knapp vier Jahre vergangen, zwei weitere (ebenfalls sehr erfolgreiche) Alben auf dem Markt und hunderte, zunehmend größere, Konzerte gespielt. So langsam in der Routine-Schiene angekommen, könnte man meinen… doch weit gefehlt! Sascha Madsen über frühen Erfolg, miese Plattenkritiken und die fortwährende Suche nach dem perfekten Song.   

 

BB: Ihr habt im Grunde den „klassischen“ Karrierestart als Band hingelegt: Songs geschrieben, anschließend live regional einen guten Ruf erspielt, Demo verschickt und ziemlich bald beim Branchenriesen Universal unterschrieben. Wie gut wart Ihr auf das vorbereitet, was im Anschluss mit Euch passierte?

Sascha Madsen: Da kann man eigentlich gar nicht wirklich drauf vorbereitet sein. Geholfen hat uns aber sicherlich, dass wir bereits mit unserer früheren Band Hörsturz ähnliches erlebt hatten, also Majordeal und so. Allerdings ist das damals total in die Hose gegangen. Von daher hat uns das später sehr geholfen, weil unsere Ansprüche erstmal gleich null waren. Wir dachten eher: „Wir nehmen das mal mit, gucken was draus wird. Und wenn’s gut läuft, umso schöner.“

Das Jahr 2005 muss Euch vorgekommen sein, wie im Rausch: Im Vorjahr hat das Geld fürs Ticket beim Hurricane-Festival nicht gereicht und ein Jahr später standet ihr dort selbst auf der Bühne. Sebastian meinte damals in einem Interview, dass ihm solche Sachen eher wahnsinnig vorkamen und sein liebstes Festival damals ein Punkfestival in Krückau mit 1000 Besuchern war. Würdet Ihr solche kleinen Festivals heute auch noch spielen? Jetzt, wo Gigs wie beim Hurricane Routine zu sein scheinen… 

Ja… oder zumindest würden wir so was sicher nicht kategorisch ablehnen. Wenn der Rahmen stimmt, warum nicht?! Denn das Krückau-Festival war schon eine extrem lustige Erfahrung, die in unserer kollektiven Erinnerung sicher lange bestehen bleiben wird (lacht). Das waren halt so ein paar Jungs vom Dorf, die eine Bretterbühne gezimmert hatten, als Catering gab’s einen Topf Chili und das Coole war, dass das ganze Ding trotz der Einfachheit so super funktioniert hat. Aber von Routine kann bei großen Festivals auch nicht die Rede sein. Solche Dinger spielt man ja auch nicht wöchentlich, da gewöhnt man sich nicht einfach dran.   

Ihr lebt immer noch im Wendland - ein Gebiet, das eher für seine schöne Landschaft, dünne Population und die Castortransporte bekannt ist, denn als „Place to be“ der (Indie-)Rock-Szene. Was hat Euch die Jahre über dort gehalten? Berlin und Hamburg sind beide nicht weit entfernt… Oder hat Euch gerade das Wendland die Erdung gegeben, nicht abzuheben?

Absolut. Das ist ein ganz großer Vorteil. Wir haben ein eigenes „Bandhaus“ auf dem Hof unserer Eltern, wo wir proben, aufnehmen und uns auslassen können. Sowas gibt’s in der Stadt einfach nicht, bzw. das wäre definitiv unbezahlbar. Von daher gab es für uns als Band auch nie die Überlegung, in die Stadt zu ziehen. Sebastian und ich sind zwar im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen, aber unser bandmäßiger Mittelpunkt wird immer das Wendland bleiben.

Ihr scheint dort aber definitiv gut schreiben zu können. Sebastian gilt als „Songschreibermaschine“ und schreibt permanent, seit er 13 ist. Neben etlichem Material für Madsen fällt immer wieder auch allerlei Skurriles von Schlager über Hiphop bis Latin und Black Metal ab, das von einer ominösen Agentur namens „The Real Hits“ präsentiert wird. Für einen simplen Zeitvertreib habt Ihr da ganz schön Arbeit investiert, wie es scheint: Songs produzieren, Website programmieren, etc…

Naja, das war halt noch in der Zeit vor Madsen und wir hatten damals einfach wirklich nichts zu tun, aber einen enormen Output. Und auch diese Quatschprojekte waren durchaus nicht unwichtig für unsere weitere musikalische Entwicklung. Wir haben da wirklich viel Mühe reingesteckt, dass diese ganzen Dinger wirklich so authentisch wie möglich rüberkamen. Das Größte war natürlich, wenn uns das Leute wirklich voll abgekauft haben und uns nach CDs und so weiter gefragt haben. Es hatten sich dann zum Teil sogar Leute in so amtlichen HipHop Foren ganz ernst über unser „HipHop-Projekt“ ausgelassen, das natürlich genauso Fake wie alles andere war… super! Das waren dann so Momente, wo wir dachten: „Yes! Hat funktioniert, sehr gut!“ 

Soviel kreativer Output kann natürlich in viele Richtungen gehen. Wie sieht es denn mit Literatur aus? Sven Regener von Element Of Crime hat ja mit seiner „Herr Lehmann“-Trilogie ein ganz neues Feld für sich entdeckt und das durchaus erfolgreich. Wäre Literatur nicht auch für Sebastian eine Möglichkeit, sich ein weiteres kreatives Betätigungsfeld zu erschließen?

Ich fände das super! Ich würde das total unterstützen, wenn Sebastian anfangen würde, Bücher zu schreiben. Er hat auch mal davon gesprochen, aber wie aktuell das ist oder ob er das überhaupt jemals wirklich in Angriff nehmen wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich sagen. Aber ich denke schon, dass er da Lust drauf hat.

Sebastian schreibt alle Songs und Texte der Band. Stellt das einen nicht auch unter enormen Druck? Immerhin hängt ja auch die Band von seinem Output ab. Keine Angst vor einer Schreibblockade?

Sebastian wünscht sich ja immer, dass wir auch mitschreiben, bzw. auch eigene Sachen schreiben, und so langsam kommt da auch Bewegung in die Sache. Ich habe ja schon auf der letzten Platte einen Song („Wenn der Regen“, Anm. d. Verf.) gemeinsam mit ihm geschrieben. Zum Re-Release des aktuellen Albums kommt eine EP mit raus, auf der dann jeder von uns einen Song selbst geschrieben hat und diesen auch selbst singt.

Madsen besteht aus den Brüdern Sebastian (Git., Ges.), Johannes (Git.), und Sascha Madsen (Schlagz.), sowie Niko Mauer (Bs) und Folkert Jahnke (Key). Ist soviel Family hilfreich oder hinderlich in einer Band? Oder beides?

Mitunter beides, aber im Wesentlichen ist es doch sehr hilfreich, auf jeden Fall! Niko und Folli kennen wir auch schon seit 15 oder 16 Jahren, die sind schon längst adoptiert, sozusagen. Wir kennen uns so gut, wir können uns untereinander sehr gut einschätzen und wir wissen einfach sofort, was Sache ist. Da muss auch oft gar nicht groß geredet werden, man versteht sich trotzdem. Wir hängen auch privat dauernd miteinander rum, das ist ja das Schlimme (lacht).  

Kommen wir mal zu Euren Alben: Wurde Euer Debüt 2005 von vielen Kritikern vor allem wegen seines rauen, wütenden Untertons gefeiert, bemängelten bereits beim Nachfolger „Goodbye Logik“ erste Kritiker die Eingängigkeit Eurer Songs. Von einer „Gier nach Melodien“ und „Refrain-Overkill“ war da die Rede. Tangieren Euch solche Kritiken? Von Sebastian weiß man, dass er bemüht ist, alles zu lesen, was über die Band geschrieben wird, dass er neugierig auf die Wirkung von Madsen bei den Leuten da draußen ist. Geht das gut?   

Da muss man wirklich sehr gut abwägen. Das muss man lernen. Zu Anfang haben wir das natürlich alles ungefiltert in uns aufgesogen und uns diese ganzen Kritiken auch sehr zu Herzen genommen, vor allem Sebastian, der ja auch am meisten von sich selbst da hineingesteckt hatte. Zum Teil haben ihn die Kritiken auch wirklich getroffen. Man muss da einen gewissen Abstand zu entwickeln. Allerdings setzen wir uns mit konstruktiver Kritik immer noch gerne auseinander, egal ob diese positiv oder negativ ausfällt. Wenn sie Input liefert, kann man da immer auch was für sich draus ziehen.

Ihr selbst hattet immer das Bedürfnis, Euch nicht zu wiederholen. Und in der Tat klingt jedes Album von Euch anders. Wo auf Eurem Debüt noch viel aus einem Guss klang, entdeckte man auf „Goodbye Logik“ schon wesentlich mehr Vielschichtigkeit und auch Euer aktuelles Album „Frieden im Krieg“ geht neue Wege, vor allem textlich. Es gibt so viele Bands, die von „alles neu“ und „ganz anders“ reden, aber gleich klingen. Bei Euch ist das anders – wie macht Ihr das? Wann wisst Ihr, dass Ihr eine neue Richtung aufgetan habt? Es scheint da Schlüsselmomente zu geben… 

Naja, wir haben ja mittlerweile wieder so an die dreißig Stücke geschrieben. Wir unterscheiden da immer so zwischen „Madsen“-Stücken, die sind dann schon irgendwie typisch für uns und dann gibt es aber auch immer wieder mal Songs, die rausstechen, bei denen man merkt: „Ah, das ist mal was ganz anderes, lass uns mal in die Richtung weiter probieren!“ So entwickeln sich dann meistens, diese „neuen Richtungen“. Allerdings kann das auch dauern, wir haben zum Beispiel für das vierte Album noch keinen roten Faden. Deswegen werden wir uns hierfür auch einfach die entsprechende Zeit nehmen. Ich meine, wir haben jetzt drei Platten in Folge mehr oder weniger rausgehauen. Ich denke, dass es an der Zeit ist, die Dinge etwas ruhiger anzugehen.

Für das aktuelle Album „Frieden im Krieg“ habt Ihr erstmals mit Juli-Stammproduzent Olaf Opal zusammengearbeitet. Was habt Ihr in Opal gesucht? Er hat ja ganz unterschiedliche Sachen gemacht, von den Boxhamsters über The Notwist bis hin zu Liquido und Juli…

Gerade diese Vielseitigkeit fanden wir ja so interessant! Wir hatten ihn bereits auf der Release-Party zu „Goodbye Logik“ kennengelernt und haben ihn bei der „Echo“-Verleihung wiedergetroffen. Nach einigen Gesprächen kam dann eins zum anderen, wir sind mal für eine „Test-Woche“ zu ihm ins Studio gefahren, um zu sehen, ob die Chemie stimmt, usw. und das hat auf Anhieb bestens funktioniert. Trotzdem war das so ein bisschen „kaltes Wasser“ damals, aber nun kennen wir uns, mögen uns und mit der nächsten Platte kann’s dann richtig losgehen.

Also wird Olaf auch für das vierte Album wieder mit von der Partie sein?

Ja, unbedingt.

Es gibt viele Bands, die irgendwann meinen, ihre Erfolgsformel gefunden zu haben und sich dann auf dieser Rezeptur ausruhen…

…genau das wollen wir nicht (lacht)…

…zum Teil ist das sehr erfolgreich. Kann Euch so etwas irgendwann auch passieren?

Ach, ich weiß nicht. Sebastian ist, wie es scheint, immer noch auf der Suche nach dem „perfekten Song“. Ob er oder wir gemeinsam den jemals finden werden, kann ich nicht sagen. Noch haben wir ihn nicht gefunden, wir sind definitiv noch auf der Suche!

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 (Interview: Benjamin Metz | Januar 2009)

 

Weitere Infos unter:

www.madsenmusik.de

www.myspace.com/madsenband

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