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Seit nahezu zwei Dekaden erhellen die Sterne aus Hamburg nun schon die deutsche Musiklandschaft. Mitte der 90er Jahre noch an der Seite von Bands wie Blumfeld oder Tocotronic als Speerspitze dessen gefeiert, was wenige Jahre später als „Hamburger Schule“ für Furore sorgen sollte,  konnten die Hanseaten stets erfolgreich dem Zwang der Schublade entfliehen und blicken auf eine ereignisreiche Karriere, die Höhen und Tiefen hatte, aber vor allem eine Richtung: Immer nach vorne! Die Sterne-Frontmann Frank Spilker über die neue E.P. „Der Riss“, die unvermeidlichen Fragen nach der „Hamburger Schule“ und das kulturelle Leben in der Provinz…


BB: Eure neue E.P. „Der Riss“ wurde von dem Münchner DJ und Produzenten Mathias Modica produziert, den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bereits als „den neuen Giorgio Moroder“ (legendärer Disco-Produzent, Entdecker v. Donna Summer u.a., Anm. d. Verf.) bezeichnet hat. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Frank Spilker: Eigentlich war das recht unspektakulär. Ein Mitarbeiter unserer früheren Plattenfirma V2 dachte, es wäre ein gute Idee, uns mal mit Modica zusammenzubringen. Wir haben uns daraufhin getroffen und das hat auf Anhieb gut funktioniert. Und dieses plakative „der neue Giorgio Moroder“ hat wirklich nichts mit dem zu tun, was sie dort auf Gomma (Modicas Plattenfirma, Anm. d. Verf.) herausbringen. Sein Projekt Munk beispielsweise erinnert eher an Sachen wie DFA oder Talking Heads aber keinesfalls an Münchener Popper-Discos.            

Denoch wird der Stil, für den Modica und sein Label Gomma, auf dem „Der Riss“ erscheint, stehen, als „New Disco“ bezeichnet. Wie harmoniert „New Disco“ mit den Songs, vor allem den Texten der Sterne? Disco gilt ja nicht gerade als Sprachrohr für politische und gesellschaftskritische Statements…

Und genau aus diesem Grund haben wir uns ja schon von Anfang an mit Musik auseinandergesetzt, die in diese Richtung nicht klischeebehaftet ist. Nimm so ein Stück wie „Wichtig“ (vom gleichnamigen 93’er Sterne Debütalbum, Anm. d. Verf.), das ist das Gitarrenriff von „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees. Oder „Funky Town“, das haben wir ebenfalls irgendwo mal verwurstet. Wir haben immer diese Bezüge zu Musik, die stets diesem bürgerlichen Klischee „Rhythmus orientierte Musik = schwarze Musik = Körperlichkeit. In Abgrenzung zu „Geist“ ausgesetzt war, das wir versuchen umzudrehen in eine Richtung wie „Beim Tanzen kann man besser denken“.            

Die Neugier auf „Der Riss“ erinnert ein wenig an das enorme Interesse im Vorfeld der Veröffentlichung des Blumfeld-Albums „Old Nobody“ 1999. Die Band wagte nach zwei sehr erfolgreichen Indie-Rock Alben einen Stilbruch, lächelte mit etwas übertrieben schmalzigem Lächeln vom Cover und ließ Lieder wie „Tausend Tränen tief", oder „Ein Lied von zwei Menschen“, die nahe an der Münchner Freiheit waren vom Stapel. Die Fans waren entsetzt! Nun steht Modica seit Jahren für seinen Entwurf von discoider Clubmusik und auch Die Sterne haben ihre Wurzeln im groovebetonten Pop, aber werden Eure Fans diesen Schritt, vor allem nach den eher songorientierten, rockigen Alben mitgehen?

Also ich finde ja, dass das, was wir da gemacht haben trotzdem rockt. Auch wenn da mehr Keyboards als Gitarren drauf sind. In einer Sendung auf Byte FM hieß es, wie ich finde sehr treffend, die neuen Songs seien die Sterne mit neuen Mitteln, ohne dass sich die Substanz wirklich geändert hat. Ich glaube, dass die Fans das ähnlich sehen werden.

A propos Fans. Ihr habt ja eine wirklich treue Fangemeinde, die größtenteils mit Euch erwachsen geworden ist. Für viele dieser Fans ist der Begriff „Hamburger Schule“ klar mit Euch und Eurer Musik verbunden. Allerdings scheint dieser Begriff mit den Jahren mehr für eine ganze Ära, ein Lebensgefühl, ähnlich Grunge, zu stehen, denn als musikalisches Genre. Wie fühlt sich diese „neue“ Vorstellung der „Hamburger Schule“ an? Gegen den Begriff als musikalische Schublade habt Ihr Euch ja stets gewehrt.

Weil es ja auch einfach nicht gestimmt hat. Die neue Auffassung von „Hamburger Schule“, wie Du sie beschreibst, ist auf jeden Fall weit näher an der Wirklichkeit, denn die musikalischen Konzepte der Hauptprotagonisten der „Hamburger Schule“ waren sehr unterschiedlich. Das sich das Ganze nun eher wie ein Lebensabschnitt anfühlt ist ja eher Phänomen der Erinnerung. Da hat ja eine einzelne Band keinen großen Einfluss drauf, sondern das entwickelt sich mehr aus der Gesamtheit der Ereignisse, die man sowieso nicht unter Kontrolle hat.            

Interessanterweise stammen ja die Hauptprotagonisten der „Hamburger Schule“ gar nicht aus Hamburg, sondern meist aus der Provinz. Bernd Begemann, Jochen Distelmeyer (Blumfeld) und Du kamt aus Bad Salzuflen, Tilmann Rossmy (Die Regierung) aus Essen und Dirk von Lowtzow  (Tocotronic) ist gebürtiger Offenburger. Das weltweit immer wiederkehrende Phänomen der Großstadt als Katalysator für Menschen aus der Provinz, die Rockstarambitionen entwickeln. Kannst Du diese Erfahrung bestätigen? Wie wäre Frank Spilkers Karriere verlaufen, wenn er in Bad Salzuflen geblieben wäre?

Wenn ich dort geblieben wäre, wäre sie sicher gar nicht verlaufen, sondern einfach Hobby geworden. Deshalb ist man ja in die Stadt gegangen und eigentlich erklärt das auch schon das von Dir angesprochene Phänomen. Denn wenn ich als Kleinstadt-Mensch was mit Kultur machen will, muss ich dorthin, wo die Kultur ist. Und die passiert meistens eher in der Großstadt. Je größer die Stadt, desto größer die kulturelle Szene. Als gebürtiger Hamburger beispielsweise muss man sich das nicht großartig überlegen, man ist ja schon mittendrin. Es gibt ja auch die Theorie, dass man sich auf dem Land in Ermangelung kultureller Angebote einfach selbst unterhalten muss und man dadurch einfach ein anderes Verhältnis zu Kultur und Kreativität entwickelt. Ein Verhältnis, das weniger mit Konsum und mehr mit Selbermachen zu tun hat.

Was denkst Du über das autonome Arbeiten neuer Hamburger Bands wie Tomte oder Kettcar?Eigene Plattenfirma, eigene Konzertagentur, usw. Wäre das nicht auch ein Modell für die Sterne gewesen? So richtig zufrieden scheint ihr mit dem Korsett konventioneller Plattenfirmen ja nicht gewesen zu sein – Ihr habt im Verlauf Eurer Karriere fünfmal das Label gewechselt…

„Korsett“ ist gemein – wir sind halt in einer turbulenten Zeit unterwegs gewesen. Der Boden für das, was Grand Hotel Van Cleef (die Tomte-eigene Plattenfirma, Anm. d. Verf.) heute machen, ist durchaus von den Bands der vorherigen Generation bereitet worden. Also, dass das kommerzielle Umfeld günstig war, das zu machen und so weiter. Da haben sicherlich Tocotronic, wir und Fettes Brot zu beigetragen. Es wäre schon unter Umständen schlau gewesen, den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen, aber wir waren seinerzeit noch in diversen Verträgen gefangen, das war alles nicht so einfach. Bestimmte Dinge laufen einfacher, wenn man bei null anfängt. Wir haben es jetzt endlich geschafft, uns aus diesem ganzen Wust langjähriger Verträge rauszuarbeiten und machen es nun tatsächlich so wie Grand Hotel, nämlich alles selbst. Es gibt eigentlich heutzutage nur die zwei Möglichkeiten: Entweder alle Rechte der Plattenfirma abgeben, die sich fortan um alles kümmert, also auch Konzerte, Merchandise, und so weiter oder alles selbst machen. Dazu muss man selbst Investitionen tätigen und sich als Musiker gezwungenermaßen auch auf die Unternehmerseite schlagen.         

Und wie geht es mit Euch musikalisch nun weiter? Die Arbeit mit Mathias Modica soll so inspirierend verlaufen sein, dass ihr ein ganzes Album auf gomma rausbringen werdet – stimmt das? Ihr habt ja nun gerade ein eigenes Label gegründet…

Nein, aber wir werden weitere Stücke mit Mathias produzieren, die dann auf unserem eigenen Label herauskommen sollen. Wir haben da in der letzten Zeit etwas Verwirrung gestiftet, da wir nicht über ungelegte Eier reden wollten.

Und Deine Soloaktivitäten? Wann darf man den Nachfolger Deines Soloalbums „Mit all den Leuten“ erwarten?

Ich habe vor Kurzem fünf Stücke von 2005 in der Schublade gefunden, die ich meinen Mitstreitern mal schicken wollte und mal schauen, vielleicht wird da ja ein Album draus. Es ist auf jeden Fall geplant auch solo weiterzumachen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | September 2009)

 

 Weitere Infos unter:

 www.diesterne.de

www.myspace.com/mysterne


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