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Als sich Max Herre mit seinem Freundeskreis und dem Debütalbum „Quadratur des Kreises“ 1997 anschickte den deutschsprachigen HipHop in neue, intellektuelle Sphären zu führen, hätte wohl kaum jemand vermutet, dass der Produzent und Sänger jemals eine Karriere als klassischer Singer/Songwriter einschlagen würde. Doch nun legte Herre unlängst mit seinem zweiten Soloalbum „Ein geschenkter Tag“ ein Album vor, das einen breiten Bogen von Folk und Blues über Rock bis Funk und Soul schlägt und den Wahl-Berliner als gereiften Sänger und Songwriter präsentiert. Max Herre über „klassisches“ Songwriting, politische Texte und die Möglichkeiten für ein würdevolles Altern als Popstar. 


BB: Dein zweites Soloalbum „Ein geschenkter Tag“ ist ein nahezu „klassisches“ Singer/Songwriter Album geworden und klingt weit homogener als Dein Solodebüt von 2004, das stilistisch wesentlich breiter gefächert und stark im Hiphop, Soul und Reggae verwurzelt war. Was hat Dich dazu veranlasst, die Idee Deines überaus erfolgreichen Solodebüts („Max Herre“ erreichte 2004 die Nr. 1 der deutschen Charts, Anm. d. Verf.) hinter Dir zu lassen und nun diese größtenteils ruhigen, eher folkigen Songs zu veröffentlichen?

Max Herre: Es war in der Tat mein Wunsch, ein homogeneres Album zu machen, also ein Album, das man geschlossen hören kann, das einen in eine eigene Welt entführt. Ich musste mich hierfür aber auch klar für eine musikalische Richtung entscheiden. Mein letztes Album war tatsächlich sehr eklektisch, ich habe es zwischen den zwei Joy-Alben produziert und war auch mehr in einem Produzenten-, als in einem Solo-Künstler-Modus. Ich bin damals nach Berlin umgezogen und hab in verschiedenen Studios und Konstellationen Songs aufgenommen. Irgendwann waren es genug für ein Album. Dieses Mal wollte ich, wie gesagt, ein homogenes Album machen. Ab einem bestimmten Punkt habe ich einfach gemerkt, dass ich nur über Sachen schreiben möchte, die wirklich an mir dran sind, nichts Aufgesetztes, Konzipiertes. Und ich habe gespürt, dass ich diesen Weg gehen, mich öffnen muss, wenn ich  Songs schreiben will, die wirklich von mir erzählen, von dem Punkt, an dem ich mich gerade befinde. Ich habe aber auch einfach wieder sehr viel Spaß am „klassischen“ Songwriting gehabt. Frei nach Lennon „ein guter Song bleibt ein guter Song, egal, wie man ihn instrumentiert“. Und die Basis hierfür ist halt, dass er ganz simpel mit Gitarre und Stimme funktioniert. So sind wir diese Platte angegangen. 

Du scheinst die Möglichkeit, „Ein geschenkter Tag“ machen zu können, Dich also auch als eindeutiger Singer/songwriter präsentieren zu können, wirklich herbeigesehnt zu haben: Auf Deiner Facebook-Seite ist unter Stil „Folk & Blues“ zu finden, viele Deiner neuen Pressefotos präsentieren Dich mit Hut, Halstuch und Bart, oft mit der Gitarre in der Hand. Viel Straßenmusik-Feeling schwingt da mit, sprich: die Botschaft ist sehr eindeutig, Herre ist jetzt ein Folkie! Andererseits macht „Ein geschenkter Tag“ Dich auch endgültig frei von früheren Zwängen, immer der Leuchtturm der „coolen“ deutschen Hiphop-Szene sein zu müssen. War das Absicht oder ist das nur ein angenehmer Nebeneffekt Deiner neuen Position als Songwriter?

Für mich sind die Figuren gar nicht so weit auseinander, die Genres sind es sicherlich. Im HipHop geht es eher um eine Verortung, sich zu platzieren, sich in einer Szene zu bewegen und sich auch in dieser abzugrenzen. Man ist eigentlich ständig mit Fragen beschäftigt, wie: „Was machen die anderen? Was mache ich? Wie kommt das an? Wie wirke ich?“ Und das hat mich einfach nicht mehr interessiert, das ist vielleicht auch Teil eines Reifeprozesses. Vielleicht war es auch einfach nur für mich ein Prozess, den ich in meiner jetzigen Lebenssituation gebraucht habe. Ich kann und will mich gar nicht mit dem „nach außen“ so beschäftigen müssen. Es geht mir um innerer Prozesse und darum, für mich weiterzukommen. Ich will mir nichts mehr überstülpen, was ich nicht bin.

Eine Frage zum deutschen HipHop und Freundeskreis drängt sich in den vergangenen Jahren aber häufiger auf. Seit Freundeskreis sich 2000 weitestgehend aus der HipHop-Szene zurückgezogen haben (von der Jubiläums-Best Of „FK 10“ und einigen Festivalauftritten 2007 einmal abgesehen, Anm. d. Verf.) ist das Feld „deutscher HipHop“ weitestgehend von Kollegen wie Bushido, Azad und Sido besetzt. Mal im Ernst: Das kann Dich doch nicht kalt lassen?! Ihr hinterlasst ein solches Erbe und so wird das Ganze fortgesetzt…

Aber dieses Erbe wurde doch auch fortgeführt, von Leuten wie Samy DeLuxe und diversen anderen, die ab 1999, 2000 auf den Plan getreten sind. Wir haben dieses Erbe eigentlich nicht preisgegeben. Ich kann aber in solchen Dimensionen auch gar nicht denken. Ich bin kein hehrer Ritter, der die Fahne des Conscious Rap hochhalten muss („Conscious Rap“ bezeichnet eine Form des Rap, dessen Inhalt politisch oder sozialkritisch motiviert ist, Anm. d. Verf.). Ich mache einfach Musik, die mir gefällt, die ich selbst hören will. Ich wollte mit der neuen Platte einfach auch diese ganze Maskerade runterreißen, die ja HipHop auch mit sich bringt. Aber das neue Album fühlt sich auch gar nicht wie ein Neuanfang an, sondern eher wie eine Rückkehr zu etwas, das man gemacht hat, bevor man in dieses ganzen Szene- und Genre-Schubladen gesteckt wurde. Da schließt sich ein Kreis.

Um auf „Ein geschenkter Tag“ zurückzukommen: Neben der „Familie“ Deines Labels Nesola (Esperanto für „Nicht allein“, Anm. d. Verf.) taucht auch Dein früherer Labelkollege Clueso auf dem neuen Album als Gast auf. Eure Karrieren weisen viele, bedeutende Parallelen auf: Beide aus dem HipHop kommend, habt Ihr Euch zu eigenständigen Sängern und Songwritern entwickelt. Ihr habt Euch beide auch eine künstlerische und wirtschaftliche Autonomie geschaffen: Du mit Deinem Label „Nesola“, Clueso mit seinem Erfurter Künstlerkomplex „Zughafen“. Was auffällt: Ihr beide begebt Euch gerne in solch ein „familiäres“ Umfeld… Wie wichtig sind die Familien „Nesola“ und „Zughafen“ für ihre „Main Artists“?

Stimmt. Diese Parallelen siehe ich auch, absolut. Clueso kam ja so um `99, 2000 rum zu Four Music. Und er kam vor allem auch, weil er eben kein puristischer HipHopper war, sondern, weil es da auch auf dem Label eine Band gab wie Freundeskreis, die zwar im HipHop verwurzelt war, diese Genregrenze aber schon immer gesprengt hatte. Insofern war das auch für ihn ein recht gutes Umfeld, glaube ich. Und natürlich kam ihm zupass, dass bei Four Music auch langfristig an den Karrieren der Künstler gearbeitet wird und man nicht nach einem schlecht verkaufenden Debüt sofort wieder geschasst wird. Was das familiäre Umfeld und die angesprochene Autonomie angeht, denke ich, dass das einfach die unbedingte Grundlage für das ist, was ich mache und wohl auch für das, was er macht: Ein absolut selbstbestimmtes Arbeiten. Und da steckt im ursprünglichen Sinne natürlich schon auch ein gewisser HipHop Spirit dahinter, dieses Familiäre ist einfach der Schlüssel für autarkes Arbeiten.   

„Hoffnung“ ist ja stets ein wichtiges, zentrales Thema Deiner Texte, und ganz besonders auch auf „Ein geschenkter Tag“. Allerdings braucht es auch einiges an Hoffnung in Zeiten mit hunderttausenden Kurzarbeitern, Weltwirtschaftskrise…  Wie sehr fließen solche großen gesellschaftlichen Probleme noch in Deine Texte noch mit ein? Man hat den Eindruck, dass Du bei Freundeskreis stärker klare politische Positionen in Deinen Texten besetzt hattest, die auch heute noch in Deinen Texten auftauchen, aber nun wesentlich mehr aus einer emotionalen und individuellen Perspektive gezeigt werden…

Es gab ja bei Freundeskreis dieses große Missverständnis, dass wir, weil wir auch politisch waren, zu DEM politischen Aushängeschild gemacht wurden. Natürlich bin ich auch heute noch ein politisch denkender Mensch und natürlich fließt das auch in meine Musik mit ein. Allerdings habe ich über die Jahre auch gelernt, Widersprüchlichkeiten zuzulassen. Aus so einer reinen Schwarzweiß-Sicht und so einer „Wir gegen die“-Haltung kann man gar nicht mehr argumentieren, weil man sich selbst viel zu sehr angreifbar macht. Ich bin aber keinen Deut unpolitischer geworden, auch was meine Texte anbelangt. Nur ist die Wortwahl vielleicht etwas bedachter, obwohl auch schon frühere Songs, wie „Leg Dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ für mich auch etwas sehr persönliches haben. Das ist zuerst ein autobiografischer Song, der sich aber auch in einen gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext stellt. Insofern habe ich nicht das Gefühl, dass ich da irgendwas anders mache, ich gehe das einfach subtiler an.     

Ein gutes Beispiel hierfür ist die alte Lindenberg-Nummer Wir wollen doch einfach nur zusammensein (Mädchen aus Ostberlin)“, die Du für “Ein geschenkter Tag” neu aufgenommen hast. Im Grunde ist das natürlich “nur” ein Liebeslied, allerdings kann man den Song natürlich auch, vor allem zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, in einem gesellschaftlichen Kontext sehen. Das wirkt so ein bisschen wie das große Statement durch die Hintertür bringen…

Das macht es für mich ja auch so interessant. Was ist denn Politik? Am Ende ist Politik das Interesse am Mitmenschen. Nicht mehr und nicht weniger. Politik fängt da an, wo man sich für das zu interessieren beginnt, was neben einem passiert. Diese Trennung aus „persönlich“ und „politisch“ mache ich gar nicht. Und die macht auch der von Dir angesprochen Song nicht und deswegen ist er auch so großartig. Weil da Politik bis in die Liebe, in wirklich intime, persönliche Bereiche reinstrahlt. Und das ist auch genau der Punkt, an dem Politik auch begreifbar wird. Da wo es anfängt, etwas mit uns und unserem Leben zu tun zu haben.

Wirst Du eigentlich den eingeschlagenen musikalischen Weg weiter verfolgen? Die Karrieren der großen Singer/Songwriter wie Dylan, Neil Young oder Leonard Cohen, die allesamt noch mal im Alter zu Höchstform auflaufen sind ja beispielhaft und sogar Dein großer Held Udo Lindenberg kam ja mit „Stark wie Zwei“ im vergangenen Jahr im großen Stil zurück. So lässt sich ja ganz hervorragend in Würde altern…

Auf jeden Fall! Wie gesagt: „Ein guter Song ist ein guter Song, egal in welchem Gewand er daherkommt“. Und dafür habe ich jetzt wirklich den Grundstein gelegt. Was am Ende zählt ist die Qualität des Songs. Und ob das nachher ein Folk-, Blues-, Soul- oder Rap-Song ist, ist eigentlich egal. Obwohl das Singen und das Gitarrespielen für mich jetzt das klare Handwerkszeug ist und dieser Weg auch in eine Richtung geht, die ich weitergehen will. Und ich denke, Du hast Recht: Das ist ein Weg, den man auch sehr lange gehen kann. Ich kann mir gut vorstellen mit einem Song wie „Scherben“ auch noch in 25 Jahren auf der Bühne zu stehen.

Und wie sehen generell Deine nächsten Schritte aus? Du hast drei Kinder, ein eigenes Label, gehst auf Tourneen, produzierst viel. Es steht zu befürchten, dass Deine Fans wieder fünf Jahre auf ein neues Album von Dir werden warten müssen…

Fünf Jahre werden’s auf keinen Fall (lacht)! Es stimmt aber schon, dass ich mich in den vergangenen Jahren mindestens zur Hälfte auch als Produzent gesehen habe. Das war auch eine Zeit, in der ich nicht so genau wusste, was mir eigentlich mehr Spaß macht. Inzwischen genieße ich aber die Konzerte, das Performen wieder sehr und ich möchte da nicht wieder fünf Jahre warten, sondern unbedingt dranbleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | Oktober 2009)

 

Weitere Infos unter:

www.maxherre.com

www.myspace.com/maxherre


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