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Die Musik Osteuropas, noch vor wenigen Jahren in unseren Breiten nahezu ausschließlich von Kennern der sogenannten Weltmusik-Szene geschätzt, hat sich mittlerweile zu einem wahren Phänomen der Popmusik entwickelt. Kaum ein Club ohne „Russendisko“-Themenabende und auch die Kulturbühnen der Republik entdecken die Kapellen des Balkan und anderer Regionen Osteuropas als hoch spannendes, exzellentes Liveentertainement. Neben Filmen wie „Time of the Gypsies“ oder „Schwarze Katze, weißer Kater“ des serbischstämmigen Regisseurs Emir Kusturica war und ist es vor allem die Arbeit des Frankfurter DJs und Musikers Stefan Hantel, kurz Shantel, die den Klängen Osteuropas auch im Westen zu enormer Popularität verhalf…

 

BB: Du arbeitest bereits seit den frühen 90ern als DJ, Musiker und Produzent. Allerdings hat sich Deine große Passion für die Musik Osteuropas erst nach einer Reise in die Bucovina (eine  Region im südöstlichen Europa), die Heimat Deiner Großeltern entwickelt. Was hat Dich so an der Musik Deiner Vorfahren begeistert?

Shantel: Als ich Ende der 90er immer öfter als DJ nach Osteuropa eingeladen wurde, kam in mir der Wunsch auf, in die Bucovina zu reisen. Ich kannte die Gegend nur aus Erzählungen meiner Großeltern und war sehr neugierig. Das hatte also zunächst gar nicht primär mit Musik zu tun. Als ich dann dort ankam, musste ich aber leider feststellten, dass der Mythos Bucovina, dieser kosmopolitische Vielvölkerstaat nicht mehr existierte. Er war durch Nationalismus, Krieg und Stalinismus quasi ausgelöscht worden. Ich habe dort auch keine Musik mehr gefunden… Diese Vorstellung von der lustigen Balkan-Bauernhochzeit ist eher ein Klischee. Ich hatte mich jahrelang mit elektronischer Musik beschäftigt und irgendwann fragt man sich: „Was hat das mit einem selbst, mit der eigenen Geschichte, der eigenen Identität zu tun?“ Ich habe also während der Reise einen Neuanfang beschlossen, bei dem es mir sehr darum ging, aus der Tradition, der Musik meiner Vorfahren, die ja auch Teil meiner Identität ist und der Moderne etwas Neues zu schaffen.   

Hast Du damals schon das enorme „populäre“ Potential dieser Musik erahnt? Erfolgreiche Balkanensembles gab es immer schon, allerdings war das Thema eher primär im Weltmusikbereich anzusiedeln…

Als ich damit anfing haben viele Menschen aus der Musikszene, mit Ablehnung reagiert. Die haben das einfach nicht verstanden, auch meine Ambition, warum ich das mache, nicht. Es gab durchaus einige Balkanensembles, die aber eben in diesem Weltmusik-Kontext gespielt haben, und dieses ganze Klischeehafte, dieses enge Genre, das wurde dieser Musik einfach nicht gerecht. Das ist einfach eine Musik, die einen sehr populären Charakter hat, nichts fürs Museum oder für Völkerkundler. Das war immer schon Partymusik, eine sehr emotionale Geschichte. Mein Anliegen war, diese Musik aus der bizarren Nische, in der sie damals steckte, herauszuholen und ihr den Raum zu geben, der ihr gebührt. Es ging darum, diesen Sound auf eine ganz neue Ebene zu bringen.

2002 hast Du im Frankfurter Schauspielhaus erstmals den Bucovina-Club veranstaltet und die erste Compilation-CD hierzu veröffentlicht. Etwa zeitgleich starteten im Berliner Café Burger der Autor Wladimir Kaminer und sein DJ-Kollege Yuriy Gurzhy die Russendisko. War das zeitgleiche Aufleben dieser nicht unähnlichen Konzepte ein Zufall oder die Zeit einfach nur reif für neue, andere Musik?     

Ich denke, dass das eher zufällig war. Andererseits glaube ich auch, dass die Initialzündung von beiden Projekten dadurch begünstigt wurde, dass der musikalische Mikrokosmos Osteuropa nach seiner Öffnung eine neue und durchaus positive Besetzung erfahren hat. Die Russendisko und auch der Bucovina Club haben ja auch mit Klischees und Stereotypen gespielt, was den Leuten hier im Westen die Möglichkeit gegeben hat, den ideologischen Feind, mit dem man ja aufgewachsen ist, durch eine ironische und satirische Sichtweise positiv wahrzunehmen. Diese Partys haben wirklich Türen geöffnet, vor allem bei Leuten, die extreme Berührungsängste hatten. Die sich auch zunächst gar nicht vorstellen konnten, dass das einfach ein fantastischer Sound ist.

Dir wird von Traditionalisten mitunter vorgeworfen, durch die Verwendung von Hiphop-Beats und anderen Stilmitteln, die Musik zu verfremden, die Kultur nicht zu bewahren. Wie siehst Du das? Vor allem vor dem Hintergrund, dass nicht wenige Balkanensembles durchaus von dem Bucovina-Erfolg mitpartizipieren und ebenfalls mittlerweile sehr gefragt sind…    

Ich denke, das gehört einfach dazu. Wenn eine Sache so durch die Decke geht wie der Bucovina Club, womit ich übrigens überhaupt nicht gerechnet habe, ist es klar, dass so ein Erfolg viele Leute hinterm Sofa vorlockt. Und ich habe einiges an Vorwürfen und Kritik einstecken müssen. Ich habe aber auch mit unzähligen Leuten aus der Szene, auch solchen Ikonen wie Goran Bregović (weltbekannter Filmkomponist, der u.a. die Musik zu Emir Kusturicas „Time of the Gypsies“ komponierte, Anm. d. Verf.), der mir vor einiger Zeit vorschlug, Titel seines neuen Albums zu co-produzieren, sehr positives Feedback erhalten, was meiner Meinung nach zeigt, dass meine Arbeit so verkehrt nicht sein kann. Langfristig muss man auch sagen, dass wirklich die ganze Szene von diesem Balkan-Pop-Boom massiv profitiert hat. Es gibt mittlerweile etliche Balkan-Pop-Sampler, die exakte Kopien der ersten Bucovina-Compilations sind… da ist wirklich ein ganzer Markt aus dem Nichts entstanden.   

Waren solche Vorwürfe auch teilweise der Grund für die Gründung des Bucovina Club Orkestar, dass den Club hin und wieder auch als „Liveensemble“ unterstützt?

Das ist eher was Evolutionäres. Anfänglich gab es Versuche, das Bucovina Club Orkestar als eine Art „Liveeinlage“ in die Club-Events einzubauen, inzwischen ist das Orkestar aber so etwas wie meine Band geworden, mit der ich als Sänger, Musiker und Performer auftrete. Vor allen Dingen mit „Disko Partizani“, wo eine Menge neuer und eigener Stücke entstanden sind, war es nur noch ein kleiner Schritt zu einer Liveband, die das auch auf Konzerten umsetzt. 

Dein bereits angesprochenes, aktuelles Album „Disko Partizani“ läuft europaweit hervorragend, die Bucovina-Club-Events ebenfalls. Da drängt sich die Frage auf, wann die USA so weit sind? Oder liegt vielleicht genau da der Knackpunkt? Dass die USA als Mutterland des Pop und Rock’n’Roll so etwas wie Balkan Pop einfach nicht verstehen (können)? Einfach, weil er so ganz anderen Spielregeln zu folgen scheint…

Ich glaube in der Tat, und habe diese Erfahrung schon des Öfteren mit englischen und amerikanischen Journalisten machen müssen, dass die Leute dort das, was ich mache nicht verstehen. Die brauchen halt immer ihre Schubladen: „Ist das jetzt Rock, ist das Punk, ist das Gypsy-Musik?“ Das ist für mich überhaupt kein Terminus. Es gibt für mich einfach nur gute und schlechte Musik. Wer diese macht, ist echt sekundär. In der Rezeption amerikanischer Musik gibt es aber halt immer diese besagten Schubladen, da sind auch die ethnologischen Bezüge sehr, sehr wichtig. Die können sich nicht vorstellen, dass das bei uns einfach sehr gut funktioniert, weil die Leute nur Spaß haben daran. Konzertagenten in den USA fragen immer zuerst, in welche Clubs sie dich denn buchen sollen. Sollen das Rock-, oder Jazz- oder Weltmusik-Läden sein? Ich sage dann immer, dass mir das egal ist. Ich spiele überall, egal, ob Punk- oder Reggae- oder Jazz-Festival – habe ich alles schon gemacht und es hat immer und überall funktioniert. Da steckt aber kein großer Masterplan dahinter, zum Beispiel das Phänomen in der Türkei („Disko Partizani“ geriet dort zum Riesenhit und wurde mit Platin ausgezeichnet, Anm. d. Verf.), da hatten wir überhaupt keine Vorstellung von. Das sind Sachen, die haben sich ganz eigendynamisch entwickelt.   

Es gibt ja die viel diskutierte Theorie, dass sich die westliche Musik ohnehin aufgebraucht hat und sich im Grunde nur noch permanent selbst zitiert. Frische Ideen kommen vielmehr aus anderen Teilen der Welt: Aus Nordafrika, Südamerika, Asien… Würden diese –bis dato noch unter „Weltmusik“ laufenden- Musikrichtungen im Westen ähnliche Wegbereiter wie DJ Shantel finden, dürfte da sich da ein großes Potential an neuen Ideen entwickeln, oder?  

Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass die Musik, die beispielsweise ich jetzt mache, in gewissem Sinne Deutschland repräsentiert. Das mag sich zunächst vielleicht bizarr anhören, ich bin aber der Überzeugung, dass dieser Sound nur durch die verschiedenen Kulturen, die hier leben und ihre Einflüsse so zustande kommen konnte. Interessant ist auch die Tatsache, dass diese Sounds oft erst über den Umweg in die westlichen Metropolen in ihren Ursprungsländern so populär wurden, ich denke da an die Nordafrikanische Rai-Musik, die erst über Frankreich und Paris wirklich bekannt wurde oder auch Punjabi MC, der den Weg über London ging. Ich bezeichne das immer als „Diaspora-Musik“ (Der Begriff Diaspora bezeichnet hauptsächlich religiöse oder ethnische Gruppen, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden lebend über weite Teile der Welt verstreut sind, Anm. d. Verf.). 

Neben Deinen zahlreichen Projekten wurdest Du von Regisseur Fatih Akin gebeten, den Soundtrack für seinen Film „Die andere Seite“ zu produzieren. Wie kam Akin auf Dich? Wäre ein türkischer Musiker nicht nahe liegender gewesen? Oder suchte er einen „Wanderer zwischen den Kulturen“ wie Dich? Der Film hat ja diesen Deutschtürkischen Kulturclash-Hintergrund…

Die Sache ist im Grunde viel einfacher. Fatih Akin tauchte irgendwann auf einem Konzert von mir auf und kontaktierte mich einige Zeit später mit dem Angebot, den Soundtrack zu machen. Einfach, weil ihm die Musik, die ich mache gefällt und nicht, weil meine Großmutter auf rumänisch geflucht hat (lacht). Das war eigentlich eine sehr pragmatische Sache. Man denkt halt immer schnell, das habe was mit „Seelenverwandschaft“ oder einem besonders geartetem kulturellen Hintergrund zu tun. Ist aber nicht so – Fatih Akin möchte einfach nur gute Musik in seinen Filmen haben.

Du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hast u.a. in Frankreich studiert, in der Bucovina Deine musikalische Bestimmung gefunden und bist seither überall in der Welt unterwegs. Was bedeutet eigentlich „Heimat“ für Dich?

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Das bringt es für mich sehr klar auf den Punkt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | November 2008)


Weitere Infos unter:

www.bucovina.de


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