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Seit ihrem Debütalbum „Muss laut sein“ testen Grossstadtgeflüster munter stilistische und moralische Grenzen aus, stets das hehre Ziel vor Augen, glasklaren Pop und sperrige Nervmusik in ein- und demselben Song zu verarbeiten. Dass ihnen das erstaunlich gut gelingt, haben die Berliner bereits auf den ersten beiden Alben mit Songs wie „Ich muss garnix“ und "Lebenslauf" bewiesen. Nun steht mit „Alles muss man selber machen“ das dritte Album von Grossstadtgeflüster in den Startlöchern, auf dem sich das Trio konsequenter, eigenwilliger und bunter präsentiert als je zuvor. Sängerin Jen Bender über softe Songs, kleine Italiener und das nötige Quäntchen Fitness…

 

BB: Auf Eurem letzten Album „Bis einer heult“ habt Ihr, ganz punkmäßig, etliche „unter drei minuten“-Hits rausgehauen. Auf dem neuen Album findet man hingegen auch längere und softe Nummern, wie „Berühr mich nicht“ oder das balladeske „Königin“. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Jen Bender: Ich empfinde das gar nicht so sehr als Sinneswandel, oder wenn, ging das unbewusst von statten. Falls wir überhaupt ein Konzept haben, dann das der Konzeptlosigkeit (lacht)!  Ich glaube, das neue Album wirkt einfach softer, weil wir wieder Mut zum Pop hatten, weil wir wieder melodischer sind, es wird einfach mehr gesungen auf dem neuen Album. Und mit „Königin“ haben wir sogar eine richtige Schmuseballade mit auf das Album genommen, stimmt schon. Aber ruhige Sachen hatten wir schon auf der letzten Platte, zum Beispiel „Lass Deine Blätter fallen“.

Was auch auffällt, ist eine gewisse textliche „Softness“. Im Vergleich zu den Vorgängeralben muss man die Kraftausdrücke auf „Alles muss man selber machen“ geradezu mit der Lupe suchen. Langweilen Euch Provokationen mittlerweile?

Nee, uns war einfach diesmal nicht so nach Kraftausdrücken. Dass das bei uns aber auch so stark wahrgenommen wird, hat einfach auch mit der plakativen Wirkung zu tun. Ein Titel wie „Haufenweise Scheiße“ springt einen ja förmlich an! Innerhalb der Texte nehmen wir aber nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Das ist alles höchstens etwas subtiler mittlerweile.

Auf dem neuen Album singst Du auch „Ich würde gerne ein Lied schreiben, das „Nutten und Koks“ heißt…  aber dann läuft das nicht im Radio, dann mach’ ich das mal lieber nicht!“ Das klingt latent frustriert. Eure Texte scheinen Euch schon auch so manchen Ärger eingebracht zu haben…

Natürlich gab es da immer auch Leute, die sich auf den Schwanz getreten gefühlt haben, und natürlich gibt es mitunter Gedanken wie „die Nummer eins Radiosingle wird das aber so auf keinen Fall!“ Aber wirklich gestört hat uns das nie, und solche Gedanken haben uns am Ende auch nie daran gehindert, in unseren Texten zu sagen, was wir möchten. Und im Radio haben wir weniger ein Problem wegen unserer Kraftausdrücke, sondern vielmehr, weil wir einfach mitunter recht anstrengende Musik machen, glaube ich. Vielleicht haben diese subtileren Texte was mit dem Älterwerden zu tun, vielleicht fluchen wir auf der nächsten Platte aber auch wieder rum wie die Wilden, mal sehen. Direkte Sprache ist uns einfach wichtig, wir sind ja nicht das „literarische Quartett“, wir möchten authentisch bleiben!

Ihr habt von Anfang an deutsche Texte gesungen. Würden Eure Songs auch in einer anderen Sprache funktionieren? Oder würde da der ganze Wortwitz verlorengehen?

Total! Worte haben ja auch ihren Sound, und man muss sehr genau darauf achten, dass die harmonieren, sich ergänzen und nicht gegeneinander funktionieren. Das muss matchen, und die Sicherheit, das gut hinzubekommen, gibt uns eben halt erstmal unsere Muttersprache. Wir haben Spaß daran mit Sprache zu spielen, aber das könnten wir in einer fremden Sprache so gar nicht. Wir haben allerdings schon auch Lust auf andere Sprachen, aber dann holen wir lieber jemanden dazu, der diese spricht. Wir haben bei uns im Freundeskreis zum Beispiel so einen kleinen Italiener mit dem ich unbedingt mal was zusammen machen möchte. Und er soll dann natürlich bitte auch auf Italienisch singen.

Ihr seht Euer neues Album als "einen Ratgeber für ein besseres Miteinander" an. Was muss man sich denn darunter vorstellen?

Wir vertreten ja die These, dass es keine Kriege mehr geben würde, wenn sich alle Menschen auf der Welt lieb haben würden. Und ich glaube, dass unsere ganze positive Energie in dieses Album geflossen ist, so esoterisch das jetzt klingen mag (lacht). Es soll Spaß machen! Uns hat das Album enormen Spaß beim Schreiben und Aufnehmen gemacht, und wir hoffen, dass sich dieser Spaß und auch diese ganze emotionale Ehrlichkeit, die wir auf dem Album zeigen, sich auf die Leute übertragen. Wenn Leute zu uns kommen und sagen, dass ihnen dieser oder jeder Song des Albums in einer vielleicht nicht so guten Phase geholfen hat, das wäre der Ritterschlag!  

Der Titel Eures neuen Albums „Alles muss man selber machen“ scheint wieder mal Programm zu sein: Alle Songs selbst geschrieben, selbst produziert und das ganze Drumherum organisiert Ihr ebenfalls alleine. Das bedeutet doch auch große künstlerische Freiheit. Trotzdem klingt der Titel vorwurfsvoll, so als ob alle anderen zu blöd wären, es für einen gut zu machen…

(lacht) …da ist vielleicht auch was wahres dran. Fakt ist: Wir wissen ziemlich genau, was wir wollen! Und nun, nach dem dritten Album und einer sechsjährigen „Pommesbuden-Tour“, wie wir das immer nennen, kann man von sich auch schon behaupten, dass man ungefähr weiß, wo man steht und auch, wie was zu entscheiden ist. Und wenn in diese Entscheidungsprozesse immer mehr Leute involviert sind, droht das gewissermaßen zu „verschmieren“. Das hat dann so einen Stille-Post-Effekt. Daher machen wir einfach lieber alles selbst, bzw. arbeiten, wenn überhaupt, nur mit Leuten zusammen, die mit uns gewachsen sind, auf die wir uns absolut verlassen können.

„Kaethe“, die Vorabsingle Eures neuen Albums, habt Ihr über Eure Website verschenkt. Aktionen dieser Art gab es zwar schon, aber ihr betretet da doch noch ziemliches Neuland. Wie wurde der Gratisdownload denn angenommen? Ist das Verschenken von Songs ein probates Mittel inzwischen, so als Werbung für die Konzerte, von denen der Künstler heutzutage in erster Linie lebt?

Was den Download anbelangt, weiß ich noch gar nichts genaues, weil wir die ganze Zeit mit den Vorbereitungen für die Tour beschäftigt waren und jetzt dauernd unterwegs sind. Aber die Reaktionen, die ich mitbekomme, sind bis dato durchweg positiv. Ich denke, dass auch die Alben zukünftig immer mehr eine Promotion für die Konzerte sein werden. Schönern wäre es natürlich, wenn die Leute nach all den Monaten harter Arbeit, Herzblut und auch Geld, das man in so eine Platte gesteckt hat, das auch zu würdigen wissen und das Album dann auch kaufen. Aber diese neuen Vertriebs- und Marketingideen sind das Ding der Zukunft und davor wollen wir uns auch gar nicht verschließen. Bei „Kaethe“ war die Überlegung aber recht einfach: Wir waren einfach lange weg und wollten vorab einfach mal was in die Menge schmeißen!

Ihr habt eine ziemlich lange Zeit nicht mehr live gespielt und seid nun endlich wieder auf Tour. Hat Dir die Bühne gefehlt? Wie kommen die neuen Songs live an?

Die Bühne hat mir total gefehlt! Nach der letzten Tour war es den ersten Monat noch ganz schön, ich hatte meine Bandscheiben wieder gespürt, meine Stimme wurde wieder besser, usw. Im zweiten Monat fing es aber schon wieder zu kribbeln an und ab dem dritten Monat war ich schon wirklich auf Entzug! Wir haben und wirklich gefreut, endlich wieder in unseren miefigen Bus zu steigen. Und die neuen Songs kommen super an, die haben sich schon jetzt sehr gut in unser bisheriges Liverepertoire eingefügt.

Testet Ihr neue Songs eigentlich auch live vor Publikum? Wie funktioniert das? Ihr arbeitet ja viel mit Samples, so wirklich jammen und ausprobieren im klassischen Bandsinne könnt Ihr ja nur bedingt, oder?

Ja, stimmt. Aber wir haben durch das Schlagzeug und auch die Keyboards schon auch Möglichkeiten, unsere Songs live zu variieren. Und natürlich testen wir unsere Songs auch live aus und verändern sie mitunter, machen Parts mal länger und bringen mehr Dynamik rein. Da gibt es mittlerweile einige Stücke, die sich live deutlich von ihren Studioversionen unterscheiden. Das wird auch bei den neuen Songs sicher passieren.

Ihr habt ja noch ein ganz ordentliches Pensum an Gigs zu bewältigen. Wer Dich einmal live erlebt hat, fragt sich, woher Du jeden Abend die Kondition nimmst, so über die Bühne zu fegen…

Man hat mir schon als Kind gesagt: Ey, Du redest zuviel und Du zappelst zuviel!“ Ich habe wohl schon immer einfach etwas überschüssige Energie. Die kann ich natürlich auf einer Bühne ganz wunderbar produktiv rauslassen! Aber natürlich gehört so’n gewisses Quäntchen Fitness schon dazu. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den ganzen Tag nur chipsessend zuhause auf der Couch rumliegen würde. Hier und da gehe ich schon auch mal joggen. Aber der absolut entscheidende Faktor ist Adrenalin! Und die Interaktion mit dem Publikum. Beides gibt einen heftigen Kick! Bei einem wirklich guten Konzert wird man eins mit dem Publikum…

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | April 2010)

 

Weitere Infos unter:

www.grossstadtgefluester.de

www.myspace.com/grossstadtgefluester


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