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Nachdem bereits seine Kollegen Demba mit seinem Projekt Boundzound und Pierre Baigorry als Peter Fox erfolgreiche Solokarrieren starten konnten, war es nur eine Frage der Zeit bis mit Frank Dellé („Eased“) auch der letzte Frontmann der Reggae- und Dancehall-Institution Seeed die musikalischen Geschicke in die eigenen Hände nimmt. Anders als seine Kollegen jedoch, die sich musikalisch recht wenig an ihrem Hauptprojekt orientierten, hat Dellé mit seinem Solodebüt „Before I grow old“ eine lupenreine Reggae-Platte vorgelegt, die er nun im Winter auf einer umfangreichen Tournee live vorstellen wird. Dellé  über Pläne, Lebensmottos und, natürlich, Reggae.

 

BB: Im Gegenzug zu Deinen Seeed-Kollegen Demba und Pierre hattest Du kein eigenes Album in Planung als Seeed 2007 eine längere Pause antraten. Nun, zwei Jahre später, liegt mit „Before I grow old“ aber doch Dein Solodebüt vor. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Dellé: Die Sache mit Plänen ist ja immer, dass das Planen und das Umsetzen zwei völlig verschiedene Sachen sind. Der Plan, in meinem Fall damals, war eigentlich, diese freie Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Aus dieser Ruhe heraus sind dann aber auch die Ideen entstanden, die nun zu diesem Album geführt haben. Allerdings hatte ich den Wunsch, ein Soloalbum zu machen schon eine ganze Zeit früher, nur der Zeitpunkt hatte nie so wirklich gestimmt. Diesmal hat aber dann irgendwie alles gepasst, und als wir erst einmal mit der Produktion angefangen hatten, lief es einfach. Jetzt ist das Album endlich fertig und das ist einfach schön… eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte!

„Mach erst das Eine, dann kannst Du das andere machen“ ist ein Lebensmotto von Dir. Beispielsweise bestand Dein Vater vor Deiner Musikerkarriere auf ein Studium, das Du auch brav abgeschlossen hast. Ist das Soloalbum vor einem ähnlichen Hintergrund entstanden? Nach dem Motto: Mach das Ganze Musik-Ding erst mal gut mit einer Top-Band wie Seeed im Rücken und dann kannst Du Dich mal langsam an die eigenen Pläne wagen?

Nee (lacht), ganz so war es jetzt nicht. Allerdings glaube ich auch nicht, dass ich ohne den Seeed-Background hier in Deutschland auf einem Major-Label ein englischsprachiges Reggaealbum so ohne weiteres hätte machen können. Da gab es sicher einen ziemlich großen Vertrauensvorschuss seitens der Plattenfirma. Aber so pur, so sehr „Frank Dellé“ hätte ich meine musikalischen Pläne, Wünsche und Ideen mit Seeed wohl nicht umsetzen können.

Den Traum von einem englischsprachigen Reggaealbum träumst Du schon sehr lange. Warum habt Ihr das nicht schon früher mit Seeed umgesetzt? Ihr seid ja inzwischen auch international sehr gefragt, da hätte es doch nahegelegen, mit Seeed auch ein englischsprachiges Album zu machen…

Das wäre aber einfach nicht Seeed. Wenn ich jetzt mal von mir, als Teil von Seeed, ausgehe: Ich bin in Berlin geboren, kenne die deutsche Kultur, habe aber durch meine Zeit in Ghana im Alter zwischen sechs und zwölf auch die ghanaische Kultur kennengelernt, bin also wirklich in beiden Heimaten zuhause. Das ist sehr speziell. Von daher kann ich mich in dieses „Berlin Ding“, das Seeed ausmacht wirklich absolut reinhängen. Seeed ist für mich das urbane Berlin, unsere Quintessenz ist Reggae, das sind all die Einflüsse, die so eine Stadt mit sich bringt. Dass da Leute aus Afrika, Asien und Europa zusammenleben und Musik machen, dass eine West- und eine früher davon getrennte Ost-Stadt und ihre Bewohner wieder zueinanderfinden. Das ist Multikulti und Blümchentapete in einem und das ist irgendwie auch dieses ganze Ding mit Seeed: Deutsch in einem multikulturellem Sinnn! Da passt aber zum Beispiel meine ghanaische Seite nicht wirklich rein und auch Songs wie „Pound Power“, meine erste Single, hätte ich mit Seeed einfach nicht gemacht. Im Umkehrschluss passt ein komplett englischsprachiges Reggae-Album aber eben auch nicht zu Seeed, denn die Band ist wie gesagt auf ihre eigene, vielfältige Art und Weise sehr deutsch.

Seeed ist mit seinen elf Bandmitgliedern, neben Eurem enormen Erfolg, ja auch personell eine ziemliche Größe. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht immer leicht war, diese elf Mann bei Albumproduktionen unter einen Hut zu bekommen, da es sich ja auch stets um eine Vielzahl, zum Teil grundverschiedener, Meinungen handelt. Die Produktion Deines Soloalbums dürfte sich im Vergleich hierzu wie ein Spaziergang angefühlt haben, oder?

Klar, man hat viel weniger Diskussionen. Ich bin der Chef, kann sagen, wie ich es haben möchte und habe einen Produzenten, der wirklich sehr begabt ist und weiß, wie er meine Ideen adäquat umsetzen und sie gegebenenfalls verbessern kann. Bei der Produktion meines Soloalbums waren das im Grunde zwei Leute, die sich gegenseitig sehr beflügelt haben. Aber auch bei Seeed ist das nicht wirklich wild, denn das sind ja nicht irgendwelche elf Leute, sondern elf Musiker, die sich nach all den Jahren mitunter wirklich blind verstehen. Kein einzelner von uns wird jemals Seeed so hinbekommen, das funktioniert nur im Kollektiv. Aber natürlich war das Soloalbum für mich gewissermaßen „beflügelnd“. Das fühlte sich so ein bisschen wie ein Seitensprung an. Allerdings war das auch für mich wieder der Startschuss für Seeed, sodass ich jetzt sagen kann: „Da ist eine Menge neuer Input entstanden, ich habe jetzt wieder richtig Bock auf die Band!“

Before I grow old“ ist auf sehr zeitgemäße Art und Weise entstanden, nämlich, wie es im Labelinfo heißt „Mail für Mail, Beat für Beat“, die Du Dir mit Deinem Co-Produzenten Guido Craveiro zwischen Köln und Berlin hin- und hergeschickt hast. Ist Reggae nicht eher etwas, das in Jamsessions mit einer Band entsteht? Und resultiert die wieder erwachte Lust auf die Zusammenarbeit mit Seeed nicht eher auch aus der Lust auf das gemeinsame Musikmachen?

Was soll ich sagen? Die Songs sind ja schon mit echten Musikern eingespielt worden, das ist beispielsweise überall „echtes Schlagzeug“, das auf dem Album zu hören ist. Der Vorteil heutzutage ist allerdings diese enorme Geschwindigkeit der Computer und des Internets: Man kann ganz fix Demos basteln, hin und her schicken und alles erst im großen Stil aufnehmen, wenn das konkret und ausgearbeitet ist. Denn darum geht es: Alles straight vorbereiten, ausarbeiten und aufnehmen. Das ganze Jammen, ausprobieren, und so weiter… das habe ich jetzt bei den Vorbereitungen zur Tour. Aber vorher ist das erstmal ein fokussiertes Arbeiten.

Eines Deiner großen Vorbilder ist Bob Marley. Als er damals mit Songs wie „Get up Stand up“ auch in der westlichen Welt zur Symbolfigur wurde, dachten nicht wenige, Reggae könne die Welt verbessern. Seit Marleys Tod 1981 hat sich einiges im Reggae verändert und die Welt scheint sich nicht wirklich verbessert zu haben. Welchen Stellenwert nimmt Reggae heute -Deiner Meinung nach- international ein?

Reggae hat ja anscheinend immer so einen „Zehn Jahre Rhythmus“: Eine Dekade großer Hype, die nächste Dekade wieder gar kein Hype! Mir ist das eigentlich egal, mir ist es wesentlich wichtiger, gute Songs zu schreiben. Ob man die dann als Rock, Reggae oder Pop einsortiert, ist für mich erstmal sekundär. Natürlich liebe ich Reggae, ich bin mit Reggae aufgewachsen, habe Reggae immer gespielt und werde ihn immer spielen, aber den aktuellen Stellenwert von Reggae einzuschätzen, also wie hip oder unhip Reggae gerade ist, kann ich nicht sagen, und es ist mir eigentlich auch ganz egal.

Aber der Reggae ist seit nahezu dreißig Jahren im Dauertief, denn nach Marley gelang keinem Reggae-Musiker mehr auch nur ansatzweise eine solche Karriere. Global gesehen, zumindest. Warum eigentlich nicht? Exzellente Bands gibt es ja durchaus… 

Ich weiß nicht, gute Frage. Er war halt einfach authentisch, viele haben versucht ihn zu kopieren und irgendwie war das immer daneben. Und natürlich war Bob Marley sehr, sehr erfolgreich. Doch, was ist Erfolg? Ist Erfolg, dass ich zu meiner Familie nach Ghana reisen und mit ihr ein Video für meinen Clip drehen kann? Bedeutet Erfolg, dass ich von „Before I Grow Old“ 100.000 Alben verkaufe? Da sind die Sichtweisen einfach so anders. Nehmen wir mal den Begriff „weltweiter, kommerzieller Erfolg“: Ey, Horror, ich will das nicht! Bei Pierre hat man das ja echt gemerkt: Da macht man das mal eben gut und kommerziell und dann kommen die Dämonen: Man traut sich mit der Tochter nicht mehr auf den Spielplatz und schon gar nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt… Bin ich so gesehen also „erfolgreich“ oder nicht? Ich denke, ich habe es wirklich gut getroffen!

Dein Soloalbum bringt Dich ja nach den erfolgverwöhnten Jahren mit Seeed wieder an einen Karriereanfang: Du spielst wieder in kleineren Konzertvenues und Clubs und bist für „Newcomer“-Preise nominiert. Wie fühlst Du Dich als frischgebackener Newcomer?

Ich muss wirklich sagen: Total geil! Weil hier endlich wieder so eine Herausforderung da ist. Mich erinnert das sehr an die Zeit mit Seeed bei unseren ersten Auftritten damals in Frankreich, wo alles noch neu war und wir um jeden Zuschauer noch echt kämpfen mussten, wo man Leute wieder klar machten musste. Wenn die Band hier in Deutschland spielt und hunderttausend Kehlen „Seeed“ rufen, hat das schon was magisches und trotzdem hat auch das schönste Ding der Welt Abnutzungserscheinungen. Du brauchst einfach Herausforderungen, daher ist auch dieses neue Leben als Newcomer sehr geil: Man hofft, dass die Gigs ausverkauft sind, man tatsächlich die „Newcomer“-Awards gewinnt…

Pierre hat vor einiger Zeit verkündet, dass ihm der ganze Trubel um Peter Fox zuviel sei, und er daher seine Solokarriere beenden werde, Demba und Boundzound ruhen ebenfalls und Deine Tour zu „Before I grow old“ endet am 17. Dezember. Die Zeichen stehen also zum kommenden Jahresanfang günstig für ein neues Seeed-Album. Gibt es hierzu bereits konkrete Pläne?

Ja. Auf jeden Fall! Wir werden wohl Anfang 2010 mit der Produktion des neuen Seeed Albums zu beginnen, das Ganze dauert dann aber mal locker ein Jahr, vor 2011 wird es also mit einem neuen Seeed Album garantiert noch nichts! Allerdings werde ich ganz sicher mit meiner Band im Sommer 2010 auf Festival-Tour gehen.

Den Traum, ein eigenes Reggae-Album aufzunehmen, bevor Du alt bist, hast Du Dir nun erfüllt. Wird es bei diesem einen Solo-Album bleiben oder hat „Before I grow old“ bereits neue Träume zum Leben erweckt?

Ja, klar! Natürlich gibt es da schon wieder viele neue Ideen. Aber der Titel meint gar nicht unbedingt dieses „muss ich noch machen, bevor ich alt werde“, sondern ist mehr so als allgemeine Metapher gegen das „Arschnichthochkriegen“ und als Aufforderung zu mehr Leben, Offenheit und Wagnisse im Allgemeinen gedacht. Ich zumindest kann mir total vorstellen, dass ich noch ganz andere Sachen mal in Zukunft angehen werde. Rock, zum Beispiel. Was die Zeit auch bringen wird. Aber der nächste große Plan ist dann erst mal wieder ein neues Seeed-Album. Da freue ich mich drauf!

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | Dezember 2009)

 

Weitere Infos unter:

www.dellee.de

www.myspace.com/frankdellee


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