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Bereits seit 1999 mischt das norddeutsche Quintett Turbostaat die Punk- und Indierock-Szene mit seinem erfrischenden „Vollepulleindiefresse“-Punkrock auf. Nach zwei vielbeachteten Alben („Flamingo“, 2001 und „Schwan“, 2003) auf dem altehrwürdigen Punklabel Schiffen,  wechselte die Band für das aktuelle Album „Vormann Leiss“ im vergangenen Jahr zu Same Same But Different, einem Sublabel des Branchenriesen Warner. Die Turbostaatler Tobert Knopp und Marten Ebsen über die deutsche Punkszene, Ausverkauf-Vorwürfe und die Freundschaft zu den Beatsteaks.   


BB: Gleich vorab mal die Frage nach Eurem Namen: Was, bitteschön, ist denn ein Turbostaat?

Tobert: Jan, Marten, Peter, Rotze, Tobert… das ist der Turbostaat.

Marten: Die Frage ist wirklich schon sehr oft gestellt worden…

…wurde aber leider nie erfüllend beantwortet. Dabei drängen sich solche Fragen geradezu auf, denn Ihr spielt ganz gerne mit kryptischen Namen. Eure Songs haben sehr klare, zum Teil auch sehr gesellschaftskritische Messages, heißen aber „Haubentaucherwelpen“, „Harm Rochel“ oder „Schalenka Hase“… Warum diese merkwürdigen Namen?

Marten: Wenn die Texte geschrieben werden, gibt es zunächst nie eine Überschrift und da steckt auch ein System dahinter. Wenn man sich einem Thema umfassend in einem Songtext widmet und den dann in einer knackigen Überschrift zusammenfassen soll, funktioniert das einfach nicht. Das wird dem Text einfach nicht gerecht! Darum schreiben wir dann lieber einfach irgendwas darüber, Namen sind Schall und Rauch! Da haben wir so eine Art Bandhobby draus gemacht.

Tobert: Das spielt aber auch so ein gewisser Pragmatismus mit rein. Einfach, weil wir als Band intern so unsere eigenen Begriffe für alles Mögliche haben, was mitunter einiges vereinfacht.

Ihr seht Euch als Deutschpunkband, bedient aber kaum die Klischees dieser Szene. Eure Texte sind beispielsweise ziemlich ernst und nachdenklich und frei von jedweden Parolen. Möchtet Ihr bewusst mit diesen Deutschpunkklischees aufräumen? Oder seht Ihr Turbostaat einfach als Eure Interpretation, wie Deutschpunk heute klingen sollte?

Marten: Natürlich gibt es diese Klischeebands, also „Saufen, Ficken, gegen den Staat“ und so weiter und das ist ja auch alles gut und schön und manche Bands davon mag ich sogar ganz gerne. Aber die meisten Deutschpunkbands, die ich gehört habe, und die auch um einiges älter als die ganzen Klischeebands sind, haben eigentlich ganz andere Texte gemacht und an denen haben wir uns auch orientiert.

Wie wurdet Ihr eigentlich von der Punkszene am Anfang Eurer Karriere aufgenommen?

Tobert: Wir konnten da auf das Netzwerk unseres Schlagzeugers aufbauen, der schon lange vor Turbostaat in Punkbands unterwegs war, Tourneen gespielt hatte und so weiter. So kamen wir eigentlich von Anfang an rum und konnten spielen. Ich hatte das Gefühl, dass wir so die Band waren, die mal vorbeikommt und spielt. Wir hatten eigentlich keinerlei Erwartungshaltung an das Publikum und die an uns wohl auch nicht.

Marten: Also ich bin eigentlich schon immer wieder überrascht, wie nett man überall aufgenommen und angenommen wird. 

Ihr habt gleich Euer erstes Album „Flamingo“ (2001) auf dem renommierten Punklabel Schiffen veröffentlicht. Kredibeler geht’s kaum. War die Zusammenarbeit mit Schiffen auch eine Hilfe für Euch, in der Punkszene schnell Fuß zu fassen?

Marten: Ja, schon. Denn die Leute, die auf das Label schon immer geschworen haben, kaufen sich natürlich jede Platte, die auf Schiffen erscheint. Zu denen würde ich mich übrigens auch zählen. Und als Olaf (Evers, Labeleigner von Schiffen. Anm. d. Verf.) uns gefragt hatte, ob wir die Platte auf Schiffen machen wollen, haben wir nur gesagt: „Jo, super!“ Wohler kann man sich als Fan nicht fühlen!

Tobert: Ich denke auch, dass Schiffen uns sicher geholfen hat, zumindest am Anfang. Aber wir haben mit der Zeit so dermaßen viel gespielt, das hat sich unter den Leuten soviel rumgesprochen, dass sich da einfach auch viel über das Livespielen entwickelt hat. Insofern ist das mit Schiffen auch ein Stückweit „Mythos“. Aber keine Frage: Alles, was auf dem Label rauskam, fanden wir super und natürlich war es das Größte da selbst auch zu erscheinen. Darüber hinaus war das eine ganz familiäre Angelegenheit, wir sind auch heute noch gut befreundet.

Ihr stammt aus der Norddeutschen Provinz. Denkt ihr, dass das Einfluss auf Eure Musik und Euren Werdegang als Band hatte? Wäre Turbostaat eine andere Band, wenn ihr das Ganze beispielsweise von Berlin aus gestartet hättet?

Marten: Das glaube ich schon. In einer Kleinstadt wie Husum musst Du einfach lernen, Dich mit anderen „Randgruppen“ zu arrangieren, einfach, weil es da keine großen Szenen gibt. Wenn Du da nur unter Deinesgleichen sein willst, kannst Du quasi in keine Kneipe mehr rein, weil es in Husum keine reine Punkkneipe gibt. Also musst Du Dich mit diesen anderen Gruppen und Leuten beschäftigen, mit ihnen auseinandersetzen und lernen, sie zu nehmen wie sie sind, sonst wirst Du da nicht glücklich. Während Du in der Großstadt hingegen immer wählen kannst und genau Deine Szene, Deine Couleur findest.

Tobert: In der Kleinstadt gibt es auch einfach nur wenige Alternativen. Vor der Band bin ich da einfach überhaupt nicht rausgekommen und als sich dann die erste Möglichkeit geboten hat auf Tour zu gehen, stand ich vor der Wahl, die Schule fertig zu machen oder auf Tour zu gehen. Klar, dass ich die Tour vorgezogen habe, das war das Größte für mich!  

Nachdem bereits Eure beiden ersten Alben auf Schiffen gut liefen, habt Ihr das dritte Album „Vormann Leiss“ auf Same Same But Different, dem Label von Beatsteak Manager Torsten Dohm, veröffentlicht. Warum der Wechsel?

Marten: Das war eine ganz einfache Geschichte. Olaf kam eines Tages zu uns und sagte, dass er mit Schiffen aufhören würde. Da waren wir natürlich erstmal total baff, weil wir überhaupt nicht wussten, wie es weitergehen soll. Tja, und dann hat sich das anscheinend rumgesprochen, dass wir ohne Label dastanden, weil einen Monat später dauernd Anrufe und Mails kamen, Leute mit einem Essen gehen wollten… (beide lachen)… da war also so eine Phase von ein paar Monaten, in der wir wirklich sehr gut gefüttert wurden, aber dann mussten wir uns da mal so langsam entscheiden.

Tobert: Wir hatten auf jeden Fall sehr schnell gemerkt, dass wir von diesem ganzen Businesskram, den Verträgen, etc. einfach keine Ahnung hatten…

Marten: …das waren halt jetzt nicht mehr Firmen wie Schiffen, wo man die Platte einfach gemacht hat und was am Ende übrigblieb geteilt wurde, sondern „richtige“ Plattenfirmen.

Tobert: Erik und Torsten von den Beatsteaks haben uns dann geholfen, das alles zu sichten und mal zu bewerten. Die beiden hatten allerdings schon länger die Idee für ein Sublabel, auf das sie Bands nehmen wollten, die sie gut finden und da war die Entscheidung ziemlich schnell gefallen, denn wir waren natürlich auch auf der Suche nach einem Label, das mehr Kumpel ist als „Geschäftspartner“. Und das funktioniert bis heute sehr gut.

Wie hat sich eigentlich die Freundschaft zu den Beatsteaks entwickelt? Ihr habt ja etliche Konzerte mit ihnen zusammen gespielt und auch die gemeinsame Single „Frieda und die Bomben“, eine Version der Fu Manchu-Nummer „Hell On Wheel“, eingespielt.

Tobert: Wir wurden gefragt, ob wir die Beatsteaks supporten wollen, so haben wir uns kennengelernt und verstehen uns seitdem bestens.

Wie haben Eure Fans eigentlich auf diese Kollaborationen mit den Beatsteaks reagiert? Ich denke da mal wieder an „Punk Gralshüter“ – hat es da nicht auch „Ausverkauf“-Rufe gegeben?  

Marten: Ja, die gab es schon, aber wir hatten mit sehr viel mehr gerechnet. Hätten wir das in den Anfangstagen der Band gemacht, hätte man uns wahrscheinlich an den Pranger gestellt. Dagegen wurde das später von den Fans ziemlich ruhig aufgenommen. 

Vor einigen Monaten erschien in einer großen Musikzeitung ein „Streitgespräch“ zwischen Ted Gaier von den Goldenen Zitronen und Hosen-Frontmann Campino. Da ging es in einem Fort um den Widerspruch Punk/Geldverdienen. Warum tut sich die Punkszene mit dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Bands so schwer?

Marten: Weil sie im Grunde genau der Gegenentwurf ist zu dieser Scheiße, die im Radio läuft und darauf abzielt, dass die Leute brav mitwippen und die daraus Geld pressen können.

Mittlerweile gibt es ja aber Bands, die irgendwo dazwischen liegen, siehe die Beatsteaks…

Marten: Ja, schon. Aber Punk ist halt schon ursprünglich mal der Gegenentwurf zu Rock gewesen und diesem ganzen elitären Musikerding. Klar, wir sind jetzt auch auf einem Majorlabel aber es war ja nicht so, dass die „Geld!“ geschrien haben und wir angerannt gekommen sind. Da gab es schon etliche, ernste Diskussionen vorab. Aber mittlerweile ist halt „Indie“ auch nicht mehr das was es eigentlich sein sollte. Viele  Indie-Labels sind straighter als mancher Major.

Könnt Ihr denn von Eurer Musik leben? Und wenn nicht, ist das auf jeden Fall das Ziel?

Tobert: Sagen wir es mal so: Wenn wir viel, viel unterwegs, also auf Tour sind, dann klappt das ganz gut, dann kann man schon seine Miete und so davon zahlen. Aber wenn wir jetzt mal ein halbes Jahr aussetzen würden, müssten wir wieder irgendwelche Jobs nebenher machen. Ein paar von uns haben auch jetzt noch einen Job neben der Band.

Marten: Ich hätte allerdings auch niemals gedacht, dass ich vom Musik machen mal leben könnte. Wir haben uns das allerdings auch nie wirklich als Ziel gesetzt, das hat sich mit der Zeit einfach langsam so ergeben.

Im Anschluss an die Veröffentlichung von „Vormann Leiss“ wart ihr konstant auf Tour. Was steht im Jubiläumsjahr 2009 (die Band wird 10.!) an? Mal Pause? Oder steht das Programm weiter auf „Turbo“?

Tobert: Wir machen erstmal ein bisschen Pause. Dann setzen wir uns zusammen und probieren neue Songs zu schreiben und schauen mal, was dabei rumkommt.

Marten: Sehe ich auch so. Die Birne ist ja randvoll mit Eindrücken und die müssen raus… aber erstmal Ruhe und dann mal im Sommer so langsam Richtung Studio bewegen…

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Interview: Benjamin Metz | Dezember 2008) 

 

 

Weiter Infos unter:

www.turbostaat.de

www.myspace.com/turbostaat

 

 

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