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Betrachtet man das Arbeitspensum, das Thomas D in den vergangenen 19 Jahren seit Gründung der Fantastischen Vier bewältigt hat, kommt einem unweigerlich der Gedanke an einen rastlosen „Hans Dampf in allen (kreativen) Gassen“, denn neben seinem Hauptjob beim Fantastischen Quartett arbeitet er an derart vielen Nebenprojekten, dass andere Künstler gleich mehrere Karrieren damit bestreiten könnten. Mittlerweile hat er sein drittes Soloalbum „Kennzeichen D“ vorgelegt, das nach seinem eher düsteren Zweitwerk „Lektionen in Demut“ wieder deutlich an den entspannten Klang seines Debütalbums „Solo“ von 1997 anknüpft.

 

BB: Dein neues Album „Kennzeichen D“ klingt insgesamt ziemlich positiv und relaxt. Die Ernsthaftigkeit des „Lektionen in Demut“-Albums schimmert zwar ab und an auch durch (beispielsweise im Song „An alle Hinterbliebenen“), hält sich aber eher im Hintergrund… Schließt sich da für Dich ein Kreis? Du sagtest in einem Interview, dass Du mit dem neuen Album auch wieder an den ursprünglichen Plan, Dir einen festen Platz als Solokünstler zu erarbeiten, anknüpfen möchtest. Was für Dich auch heißt: Alle zwei Jahre ein Soloalbum, eine Tour. Wie möchtest Du das mit Deinen ganzen anderen Aktivitäten unter einen Hut bekommen? Du scheinst ziemlich rastlos zu sein…

Thomas D: Stimmt. Wahrscheinlich bin ich immer noch ziemlich rastlos (lacht). Vielleicht wird das irgendwann mal besser und dann werde ich mich noch mehr setteln. Klar, habe ich jetzt auch zwei Kinder und die Familie nimmt einen wichtigen Teil in meinem Leben ein, aber trotzdem zieht’s mich immer wieder raus. Ich habe einfach das Bedürfnis, meine Fähigkeiten auch auszuleben. Zu Beginn der Produktion des neuen Albums ist da auch ein Knoten geplatzt und ich war wirklich dankbar und habe mir gedacht „Alter, was hast Du für einen geilen Job? Du kannst durch Deine Texte und Deine Musik soviel in Dir und in anderen bewegen!“ Musik ist einfach so ein tolles Medium! Ich weiß gar nicht, warum ich jemals eine Pause eingelegt habe (denkt nach)… Momentan denke ich jedenfalls, dass das Ausleben meiner Kreativität einfach meine Bestimmung ist, dass ich das unbedingt machen muss!

Nach der Ernsthaftigkeit des „Demut“-Albums wirkt das aktuelle Album stellenweise wie aus dem Ärmel geschüttelt. Allerdings muss man die Leichtigkeit einer Nummer wie „Get on Board“, der ersten Single Deines Albums erst einmal hinbekommen. Lief die Produktion von „Kennzeichen D“ tatsächlich so entspannt, wie die Songs klingen?

 Also beim Andy (Ypsilon, Fanta 4 - Anm. d. Verf.) im Studio steht an der Tür: “Das Schwierigste ist die Leichtigkeit”. Den Spruch haben wir uns da hingeklebt, weil er absolut wahr ist. Je mehr man macht, desto mehr schränkt man sich auch ein, einfach, weil man schon soviel gemacht hat und so viele Vergleiche hat. Du kannst nie mehr Deine erste Platte machen und das ist wahrscheinlich die leichteste überhaupt. Aber man muss sich auch nicht unnötig verkrampfen, vor allem ich! Ich denke ja gerne, dass ich mit jedem Text mit jedem Lied gleich die Welt retten möchte. Das funktioniert so aber nicht, also warum erlaube ich mir dann nicht mal einfach mal, einen blöden Spruch zu reißen oder einen guten Witz. Warum nicht mal Texte schreiben, die mich zum Lachen bringen? Früher war ich da immer sehr kritisch, heute sage ich „Scheiss drauf! Ich find’s jetzt gerade witzig, warum also nicht machen?“ Ich denke, dass ich schon einiges an ernsten Themen aufgegriffen habe und vielleicht finden die Leute ja mal ein bisschen mehr Leichtigkeit sogar sehr angenehm. Ich muss mich nicht mehr ständig beweisen und finde das auch sehr beruhigend.

Du hast einmal gesagt, dass der größte Feind eines Künstlers seine Plattenfirma ist. Als nahezu logische Konsequenz habt ihr mit den Fantastischen Vier daraufhin 1996 Euer eigenes Label „Four Music“, sowie die eigene Booking Agentur „Four Artists“ gegründet, die Euch nahezu vollständige Kontrolle über Eure künstlerischen Belange garantieren. Nachdem auch Deine ersten zwei Soloalben auf „Four Music“ veröffentlicht wurden, hast Du für „Kennzeichen D“ jedoch erneut eine eigene Plattenfirma, „One Artist“ genannt, gegründet, deren Logo sehr klar auf das „Four Artists“ Logo anspielt. Was war die Motivation hinter der Gründung von „One Artist“?

Eigentlich war es ja immer unser Ziel, dass „Four Music“ und „Four Artists“ ein gemeinsames Ding werden, unsere Lokomotive sozusagen. Hat aber nicht so ganz funktioniert, „Four Music“ haben wir ja dann auch an SonyBMG verkauft. Aber „Four Artists“ ist ja immer noch unser Geschäft und „One Artist“ greift halt wieder die ursprüngliche Idee auf, daher auch als kleiner Gag  die Anspielung mit dem Logo. Ich habe sogar Alex Richter (Geschäftsführer von „Four Artists“, Anm. d. Verf.) gefragt, ob er mir das irgendwie übel nimmt, aber er meinte nur „Super! Jetzt kann ich allen erzählen, dass wir wieder unsere eigene Plattenfirma haben!“ Was ja auch stimmt, allerdings kümmert sie sich nur um einen Künstler – mich. Wobei ich heute schon überlegt habe, einen weiteren Künstler ins Boot zu holen.

Selbstbestimmung scheint immer schon eine Antriebsfeder für Dein Handeln gewesen zu sein. Ich denke da an die Aktion mit Deiner Wohnungsauflösung und Deine „Wanderschaft“ im Wohnmobil vor gut zehn Jahren. Du schienst damals auf der Suche gewesen zu sein und hast daraufhin gemeinsam mit Gleichgesinnten den MARS (Moderne Anstalt Rigoroser Spakker), eine Künstlerkommune gegründet. Hat der MARS dem Rastlosen etwas mehr Ruhe beschert?

Also das Wohnmobilding habe ich irgendwann wirklich gehasst. Den Winter in Deutschland in einem Wohnmobil verbringen zu wollen war eine beschissene Idee (lacht). Aber es ist echt interessant, was ich in der Zeit auf dem MARS mittlerweile wieder für Zeug angehäuft habe. Studio, Werkstatt, Fitnessraum, in der Scheune steht noch Krempel von drei Generationen ehemaliger Mieter. Ist schon heftig, wie man sich wieder ausbreitet. Im Wohnmobil hatte ich gerade mal 9x2 Meter und hatte eigentlich auch alles, was ich brauchte. Aber ich lebe wirklich sehr gerne auf dem MARS, auch mit dem ganzen Zeug, das man eigentlich nicht braucht.

Dein Traum von der kreativen Kommune scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Ihr habt mittlerweile ein eigenes Studio aufgebaut und die vorwiegend aus MARS-Bewohnern bestehende Band Son Goku ins Leben gerufen. Nun feiert Der MARS im kommenden Jahr zehnjähriges Jubiläum! Das gibt Anlass für einen Ausblick: Wo siehst Du den MARS, wo siehst Du Dich in weiteren zehn Jahren? Ist die Kommune auch (D)ein Modell fürs Altwerden?

Das fänd’ ich auf jeden Fall sehr schön, wenn wir auch so als Altenheim-Kommune weiter bestehen, wenn da lauter gepiercte und tätowierte Omas und Opas über den Hof humpeln. Gerade im Alter ist alleine und einsam sein nichts Gutes für den Menschen, besonders für diesen Menschen (deutet auf sich).

Wo wir gerade bei Jubiläen sind: Im kommenden Jahr werden die Fantastischen Vier zwanzig Jahre alt, ungefähr 16 Jahre davon (seit „Die da“ 1992 durch die Decke ging) liefen sehr erfolgreich für Euch. Machst Du Dir eigentlich ab und an Gedanken, wie das Ganze gelaufen wäre, wenn die Musik nicht funktioniert hätte? Nach der Friseurlehre als Maskenbildner zum Film, wie mal ursprünglich geplant? Wo wärst Du mit Deinen Ganzen Ideen hin?

Ich weiß es nicht… Irgendwie lustig, ich habe neulich Mick Jagger im Fernsehen gesehen, wie er von einem Koreaner interviewt wurde (imitiert den radebrechenden Korenaer): „Mista Jagga! If you would not be Mista Jagga what would you be?“ Und er so ganz trocken: „Well, somebody else pobably.“ So ähnlich verhält es sich auch bei mir. Was wäre gewesen? Was wäre aus mir geworden? Irgendwas völlig anderes, ich kann’s Dir echt nicht sagen (lacht). Hätte ich die Friseurscheisse gemacht, ich meine, gelernt hab’ ich sie ja, vielleicht wäre ich damit ja auch groß rausgekommen, nur eben in einem ganz anderen Metier. Ich hatte ja mal kurzzeitig diesen Plan, einen fahrenden Friseursalon zu machen. So mit dem Bus zu den Leuten heim. War aber Blödsinn, zahlt Dir ja keiner, die ganze Fahrerei (lacht).

Du hast Ende der 80er auf einer gemeinsamen USA Reise mit Smudo die eigene Muttersprache für Hiphop entdeckt. Zitat: „Nur so kann man sich an den Vorbildern orientieren und trotzdem einen eigenen Weg nehmen.“ Fanta 4 wurden gegründet und wurden neben Advanced Chemistry Mitbegründer des deutschen Hiphop. Hättest Du jemals gedacht, dass Eure Idee solange überleben, dass sie so eigene Blüten treiben würde?

Nee, an die Blüten hat echt keiner von uns gedacht. Dass wir vier es aber packen würden, das war uns von Anfang an klar. Wir vier waren absolut davon überzeugt, Popstars zu werden! Keine Diskussion! Wir hatten eine so simple Gedankenstruktur, die ging nur nach vorne, so nach dem Motto „Wir sind die Größten!“ Teenagerwahnsinn, klar. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass uns diese Einstellung auch eine unglaubliche Energie gegeben hat. Aber wenn man uns jetzt die Schuld an „Aggro Berlin“ geben will, kann ich nur sagen, Mein Gott, irgendjemand hätte schon irgendwann zuerst auf Deutsch gerappt, nun waren wir es halt. Insofern sind das natürlich unsere Enkelkinder, aber dass sich das alles so entwickeln würde hätte ich nie gedacht.

Was hältst Du von diesen Enkeln? Was denkst Du über die „Gangsta“-isierung des deutschen Hiphop? Was denkst Du über Sido, Bushido oder Massiv?

Sido nimmt sich nicht so ernst, der hat da Humor drin, das finde ich sogar ganz geil. Der hat es geschafft, sich von dieser Stumpfheit zu lösen und mit seiner Kunst woanders hinzugehen. Aber bei den anderen sehe ich wenig Inspiration, wenig Kreativität. Das ist einfach nur das tumbe Nachgemache eines amerikanischen Ghetto-Images. Mir gefällt’s nicht, macht mir keinen Spaß.

Zum Abschluss noch mal die Frage zu Deiner Rastlosigkeit: Geht man Deine Aktivitäten der vergangenen zwei, drei Jahren durch, fällt auf, dass Du immer noch nahezu ohne Unterlass am Machen bist: Hörbücher, Synchronsprecher für Trickfilme, diverse musikalische Kooperationen (u.a. mit Stefan Remmler und Wolfgang Niedecken), Deine Patenschaft für das Projekt „Junge Dichter und Denker“, eine hochgelobte Fitness DVD (!), dann noch ein neues Fanta 4 Album („Fornika“) mit umfangreicher Tour und gleich im Anschluss Dein drittes Soloalbum „Kennzeichen D“. Die Ideen scheinen Dir definitiv nicht auszugehen. Was kommt als nächstes?

Naja, wie Du schon erwähnt hast, werden die Fantas ja 20, wir machen also eine neue Platte, die Arbeit steht schon direkt vor der Tür. Wir haben uns schon bei mir auf dem MARS getroffen und ein bisschen Brainstorming gemacht und haben für das nächste Album schon den Plan, musikalisch wieder näher zusammenzurücken. Das soll wieder mehr einen Bogen haben, deswegen wollen wir auch unsere Liveband mehr in das Ganze integrieren. Das wird dann zwar keine wirkliche Bandplatte, aber eben einen sehr klaren, eigenen Sound haben. Dann arbeiten wir noch an ein paar Geschenken für die Fans zum Jubiläum, da geht’s also wirklich direkt weiter mit Allem. Bleibt also nicht viel Zeit zum Durchatmen und so soll’s auch sein!

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 (Interview: Benjamin Metz | September 2008)

 

Weitere  Infos unter:

www.thomasd.net

www.marsnetz.de


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