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Nicht wenigen hierzulande galt die Hamburger Formation Nationalgalerie in den Neunzigern als die große Hoffnung am deutschen Rockhimmel. Nach vier exzellenten Alben trennte sich die Band jedoch 1996. Sänger und Songschreiber Niels Frevert machte solo weiter und veröffentlichte gleich im Jahr darauf sein erstes, selbstbetiteltes Soloalbum, dem 2003 mit „Seltsam öffne mich“ ein weiteres, von der Kritik gefeiertes Werk folgte. Nachdem es in den vergangenen Jahren recht still um Frevert wurde, erschien 2008 mit  „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ endlich das dritte Album des Hanseaten, das den ruhigeren Weg der Vorgängeralben fortführt und sich nahezu gänzlich vom Rock der frühen Tage verabschiedet.  

 

BB: Vor einiger Zeit war zu lesen, dass Eure einstigen Weggefährten Selig, die sich 1997 aufgelöst hatten, sich 2009 mit einem neuen Album wieder zurückmelden werden. Wie sieht es denn mit einer Reunion Deiner früheren Band Nationalgalerie aus?

Niels Frevert: Die ist mehr als unwahrscheinlich. Zu Selig: Ich freue mich sehr für die Band, dass sie es noch mal versuchen und auch besonders für meinen Freund Christian (Neander, Selig-Gitarrist und Co-Produzent des Frevert-Albums „Seltsam öffne mich“, Anm. d. Verf.), denn ich weiß, dass er sich diese Reunion wirklich gewünscht hat, aber ich denke, man kann die Möglichkeit, dass sich Nationalgalerie wiedervereinigen zu 100% ausschließen. Die Hälfte der Band macht ja auch schon seit vielen Jahren keine Musik mehr.

Obwohl der Nationalgalerie von vielen noch heute eine Vorreiterrolle in Sachen „deutschsprachige Rockmusik“ zugeschrieben wird und die Band auch kleine Erfolge, beispielsweise mit der Single „Evelin“, feiern konnte, waren es dann doch stets andere, denen der ganz großen Erfolg vergönnt war. Während sich Nationalgalerie Mitte der 90er in der Auflösung befand, starten die bereits erwähnten Selig so richtig durch. Wart Ihr einfach zu früh dran?

Dieses „zu früh dran“ klingt irgendwie zu pathetisch, aber ich glaube schon, dass wir uns aufgerieben haben damals. Wir hatten da was miterfunden und natürlich hatten wir für uns die Mission, den Deutschrock zu entmuffen, sind aber gegen eine Menge Wände gelaufen. Nicht nur bei den Medien, speziell den Radiostationen, die sich sehr zurückgehalten haben, sondern auch bei unserer Plattenfirma und der Booking-Agentur hatten wir immer das Gefühl, um alles kämpfen zu müssen. Daran haben wir uns auch wie gesagt intern gewissermaßen zerrieben.

Seit einigen Jahren hat sich deutschsprachige Musik allerorten, also auch im Mainstreamradio und im Fernsehen etabliert, Bands wie Juli und Silbermond aber auch kredible Bands wie Wir sind Helden verkaufen hunderttausende Platten und spielen in ausverkauften Hallen. Was denkst Du darüber? Nicht wenige meinen ja, dass Bands wie Nationalgalerie das mit angestoßen haben…

Sicher haben wir da eine Menge mit angestoßen. Aber das heißt ja nicht, dass Wir sind Helden nicht genauso eine Menge angestoßen haben und hartnäckig am Ball geblieben sind. Ich finde es schwer, da einen Bogen zu spannen. Klar, wir standen wesentlich öfter vor verschlossenen Türen, aber ich mache mir einfach keine Gedanken in diese ganze „Was wäre, wenn“-Richtung.

In den Jahren nach Nationalgalerie, als von 1995 bis heute hast Du gerade einmal drei, allerdings hochgelobte, Soloalben aufgenommen. Warum diese langen Pausen? Zu Nationalgalerie-Zeiten habt ihr nahezu jährlich eine Platte veröffentlicht…

Zeit ist ein Luxus, den ich mir inzwischen leiste. Ich bin langsam, ich bin kritisch… das bleibt ja die nächsten Jahrzehnte, was da auf der Platte ist - dann möchte ich auch, dass mir das gefällt.

Auf „Sylt“, dem aktuellen Kettcar-Album singst Du mit deren Sänger Marcus Wiebusch den Song „Am Tisch“. Besungen wird das Finale einer Freundschaft, viel Bitterkeit ist da zu spüren und der Wunsch nach einem „Platz, auf dem man einmal so sein kann, wie man ist wer man ist“. Entspricht das auch Deinem Anspruch als Künstler? Nur noch Musik zu machen, die man genauso machen möchte? Nicht mehr diesen ganzen Business-Zirkus mitzumachen…

Natürlich deckt sich das mit dem eigenen Wunsch, nur das zu machen, was man kann und was man mag. Das ist doch auch ganz natürlich. Zu „Am Tisch“: Mir hat der Song sofort gefallen. Ich habe beim ersten Hören genau gewusst, was Marcus meint, konnte mit der Situation sofort etwas anfangen.

Dein musikalisch-geschäftliches Umfeld wirkt sehr familiär: Deine Plattenfirma Tapete records wird von Ex-Jeremy Days Frontmann Dirk Darmstädter, einem guten Freund, geführt, Dein letztes Album „Seltsam öffne mich“ wurde von Christian Neander co-produziert und auch auf der neuen Platte war auch Dein ehemaliger Nationalgalerie-Mitstreiter Dinesh Ketelsen, der lange bei der 2007 aufgelösten Hamburger Band Fink Gitarre spielt, beteiligt. Wie wichtig ist ein solches Umfeld für Deine Arbeit, besonders im Hinblick auf die Majorjahre in den Neunzigern?

Sehr wichtig. Zu dem neuen Album hatte ich Probeaufnahmen in England gemacht. Tapete hatte mich da hingeschickt, um mal die Würfel ins Rollen zu bringen und auszuprobieren. Und irgendwie hatte ich dann direkt auf dem Rückflug eine ganz klare Vision des Albums, und dass ich das in Hamburg machen muss. Und dass es ganz wichtig würde, dabei Leute um mich zu haben, die mich und das was ich mache ganz klar verstehen, die wissen wie ich ticke. Das war ganz wichtig für diese Platte. Und wie bereits gesagt, nehme ich mir den Luxus, solange an einem Album zu arbeiten, bis mir das Ergebnis wirklich gefällt. Und das scheint so verkehrt nicht zu sein: von meiner ersten Platte bis zur jetzigen haben sich die Verkäufe jeweils mehr als verdoppelt.

Dein aktuelles Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ geht in eine neue, sehr ruhige Richtung. Besonders auffällig sind die Streicherarrangements, die aus der Feder des 65jährigen Komponisten Werner Becker stammen. Becker war in den Siebzigerjahren unter dem Namen Antony Ventura als Easy Listening Komponist weltweit erfolgreich. Heute produziert er Mainstream-Musikanten wie Howard Carpendale und Matthias Reim. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich hatte ihn schon in den Neunzigern kennengelernt, als er ein Arrangement für einen Nationalgalerie Song schrieb, und das war damals schon sehr besonders, und ich dachte mir, dass ich irgendwann unbedingt noch mal mit Werner zusammenarbeiten muss. Und auf der neuen Platte kam mir dann der Gedanke, dass da jetzt Platz für Streicher sei. Also habe ich mir seine Nummer besorgt, ihn angerufen und da hat sofort die Chemie gestimmt.

In einem Interview zur neuen Platte sagtest Du, dass Dir einfach nicht so nach Rock war. Die Zeile „Ich hasse meine Telecaster“ aus „Ich möchte mich gern von mir trennen“ unterstreicht das noch mal ausdrücklich. War es das dann mit Rock? Ist der softe Sound von „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ (D)ein Sound zum Älterwerden?

Tendenziell schon. Ich fange halt so langsam an darüber nachzudenken, wie ich denn klingen möchte, wenn ich mit 50 auf der Bühne stehe. Was für eine Figur ich da abgeben möchte, möglichst ohne mich lächerlich zu machen (lacht). Aber es geht auch um die Texte, ich habe das Gefühl, dass ich da einfach mehr Platz für die Geschichten schaffen muss.

Nachdem Du in den vergangenen Jahren auch auf der Bühne vornehmlich solo unterwegs warst, tourst Du aktuell wieder öfter mit Band. Wie fühlt sich das an, nach so vielen Jahren der „Einsamkeit“? 

Man hat auf jeden Fall mehr zu lachen (lacht). Nee, das ist schon toll, ich freue mich auch über die ganze Abwechslung, eben mal nach ein paar Solo-Shows wieder mit der Band zu spielen und dann wieder umgekehrt, dass ich da hin- und herspringen kann. Ich denke, dass scheint auch das Publikum ganz interessant zu finden. 

Hast Du schon Pläne, wie es weitergeht? Was folgt nach der Tour? Wieder stille Jahre ohne Lebenszeichen?

Ich versuche es in Zukunft schneller hinzubekommen, aber ich bin ein eher abergläubischer Mensch und erspare uns irgendwelche Vorhersagen.

Vielen Dank für das Gespräch. 

 

(Interview: Benjamin Metz | November 2008)

 

Weitere Infos unter:

www.nielsfrevert.de

www.myspace.com/nielsfrevert

www.tapeterecords.de



 

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